Zeitzeugen

Dirk Küsgen 11

06.01.2021

"The torture never stops"

1983 gab es noch kein Increment. Bobby Fischer, der seiner Zeit weit voraus war, hatte es allerdings für Weltmeisterschaften vorgeschlagen, doch auf Amateurebene hatte man nicht einmal elektronische Uhren. Da die Computer noch nicht perfekt waren, konnten noch Partien "gehängt" werden. Man konnte sie nach der Zeitkontrolle, die damals noch nach mindestens 50 Zügen und fünf Stunden Spielzeit war unterbrechen und später zu Ende spielen. Nicht so in den letzten Runden. Um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, wurde da bis zum bitteren Ende zu Ende gespielt. Bedenkzeit war reichlich vorhanden, denn alle 20 Züge bekam jeder Spieler einen neue Stunde dazu. Nach 50 Zügen, nach 70 Zügen, nach 90 Zügen, sooft man das brauchte. Da konnten die Sonntagnachmittagspiele schon einmal bis in die Nacht dauern. Als ich in diese Falle geriet, studierte ich noch in Heidelberg. Ich hatte also nach dem Kampf noch eine weite Heimreise anzutreten, denn am Montagmorgen ging der Uni-Betrieb weiter. Verschärfend kam hinzu, dass ich mit zwei anderen eine Fahrgemeinschaft gebildet hatte. Im letzten Spiel der Dritten in der Schluss-Runde der Emscherliga genügte uns in Horst ein 4:4 zum Klassenerhalt. Dummerweise konnten die Gegner aber theoretisch noch aufsteigen und kämpften ebenfalls bis zum umfallen. Nach fünf Stunden stand es 2,5:3,5 gegen uns. Rainer aus dem Spring und ich blieben übrig. Ich stand zwischen Gewinn und Remis, Rainer zwischen Remis und Verlust. Die Chancen waren in beiden Spielen etwa 50:50, sodass wir noch eine 25%-Chance auf den Klassenerhalt hatten. Meine Partie dauerte über 90 Züge und 8 1/2 Stunden. Mehrfach musste ich zwischendurch anrufen, um meine Mitfahrerinnen zu vertrösten. Als ich dann um halb elf endlich gewonnen und für uns ausgeglichen hatte, brach Rainers Stellung zusammen. Alle Mühe war vergeblich gewesen! Ich war so hundemüde, dass ich auf dem ersten Autobahnparkplatz meine Mitfahrerinnen fragen musste, ob sie einen Führerschein hätten. So fuhren sie mein Auto und mich bis nachts um halb vier nach Heidelberg zurück. Ihr Verhältnis zum Schach dürfte lebenslänglich gestört geblieben sein. Ich habe jedenfalls nie wieder etwas von ihnen gehört. Man kann im Leben eben nicht alles haben! Schade war es schon, denn sie müssen sehr nett gewesen sein. Den damals üblichen Zicken-Kommentar "Männer!" ersparten sie mir nämlich und ließen mich schlafen.

Dirk Küsgen

Dirk Küsgen 10

06.01.2021

Im  Fanbus fast bis in die Zweite Bundesliga!

Vermutlich 1980 spielte die Erste, bereits ohne Manfred Droste, in der NRW-Liga so gut, dass bei einem Auswärtssieg im ostwestfälischen Enger-Spenge sogar der Aufstieg in die Zweite Liga möglich war. Außer dem nicht mehr aktiv spielenden Droste fehlte auch Armin Kamp aus mir nicht mehr bekannten Gründen (eventuell Wochenendübung der Bundeswehr?).

Wohl einmalig in der Geschichte des Vereins fuhr ein Fanbus am Sonntagmorgen vom Gleiwitzer Platz ab. Es ertönten Schlachtrufe und Gesänge auf der Autobahn und im Dorf, bevor wir das Spiellokal stürmten. "Enger, wir kommen!", "So wie Eisen und Granit, so wie einst Real Madrid, und so zogen wir in die Bundesliga ein." "Wir brauchen keinen Droste, wir brauchen keinen Kamp, wir haben unsern NN, Gott sei Dank!" Solch eine Invasion hatte das Dorf sonst nur beim Handball erleben können. Der Tus Spenge spielte lange in der zweiten Bundesliga. Unser Gegner im Schach war für die wackeren 21er mehr als eine Nummer zu groß. Das Spiel endete mit einem 6,5:1,5-Kantersieg für Enger.

Auf der Rückfahrt ertönte nur noch einmal "Enger, wir kommen!" Der Busfahrer hatte sich verfahren und musste kurzzeitig drehen. Im anderen Schlachtruf wurden die klangvolleren Namen "Droste" und "Kamp"  durch schwächere Spieler  unterer Mannschaften ersetzt: "Wir brauchen keine Hammer*, wir brauchen keinen Meißel*, wir haben unsern NN*, auch du Sch ... e !" Die mit Sternchen versehenen  Namen sind redaktionell so geändert, dass man nur noch die Pointe erahnen kann. Nicht alle abgekämpften Helden fanden das witzig. Die Fans entschuldigten sich artig bei den Spielern und man vertrug sich wieder. Allein der Busfahrer bemerkte am Ende der Fahrt, er habe sich Schachspieler immer ganz anders vorgestellt - seriöser vermutlich.

Eugen Schulz 9

05.01.2021

 

  • Histörchen
  • Es gab eine Zeit, da stellten Gastwirte auch Schachvereinen ihre Gesellschaftszimmer zur Verfügung. Diese Räume hatten unterschiedliche Dimensionen, manchmal waren es Säle. Miete zahlten die Vereine nicht. Ihre Finanzen ließen das nicht zu. Im Jahre 1948 zahlte ich einen Monatsbeitrag von 50 Deutsche Pfennig, heute also ca. 25 Cent. Der Kassierer kassierte während der Spielstunden Beiträge und führte natürlich Buch. Erhöhungen der Mitgliedsbeiträge durchzusetzen waren auf der Jahreshauptversammlung eine heikle Angelegenheit. Das änderte sich erst mit zunehmendem Wohlstand der Mitglieder.
  • Eine Distanz der Wirte ist so gesehen verständlich. Sie erwarteten zumindest durch den Verdienst beim Ausschank Deckung der Kosten für Licht und Heizung.  Die Spieler saßen bei Turnieren fünf Stunden für die ersten 50 Züge und möglicherweise für weitere zwei Stunden am Brett, bis letztendlich ein vorläufiges Ende durch Ansetzen einer Hängepartie erfolgte. Die wenigsten Spieler tranken alkoholische Getränke wäh rend der Partie, und so blieb ein minimaler Umsatz mit Wasser. Seit der zunehmenden Motorisierung und Mobilität kamen auch die Schachspieler mit dem Auto zum Spiellokal, die das Alkoholverbot beachteten. Bei einem Besuch in der Gaststätte Blöhmer, Vereinslokal des Schachklubs Batenbrock, der auch sonntags morgens Spielstunden anbot, hörte ich zufällig wie der Wirt auf die Frage eines Gastes nach dem Umsatz antwortete: „Da gehe ich hinein und stelle jedem eine Cola hin, damit ist meine Arbeit beendet.“  Blöhmer war Eigentümer der Gaststätte. Die Beherbergung eines Schachvereins hatte wohl mehr mit Idealismus zu tun.                                                                                               
  • Etwas anders waren die Verhältnisse in unserem Spiellokal „Westfälischer Hof“. Da es sich hier um ein Hotel handelte, wurden außer Getränken auch Speisen angeboten und nachgefragt. Nach einer Partie schmeckte zum Bier auch ein Hamburger Bratenschnittchen. Der Saal bot auch die Möglichkeit, größere Veranstaltungen durchzuführen. So wurden bei der NRW-Meisterschaft die Spielerinnen und Spieler beköstigt und zum Teil beherbergt. Bereits am 16. November 1957 lud unser Verein die Mitglieder und deren Frauen aller Bottroper Schachvereine zu einem Fest. Später wurden auch zu Karneval und beim Besuch der Gäste aus Tourcoing Feiern veranstaltet. Davon profitierte der Wirt. So war es kein Wunder, als sich der Wirt Erich Ingendoh als Freund des Vereins zeigte und bei einem Kampf unserer 1. Mannschaft in Dortmund auftauchte und für die Spieler Kaffee bestellte.
  • Parallel zu unserer Vereins-Chronik gibt es eine Auflistung aller Spielstätten, die unser Verein bisher nutzte. Gerd Sklarz hat deren Besonderheiten beschrieben und das mit literarischem Rang, also lesenswert. Der vorliegende Beitrag kann als Ergänzung dazu gesehen werden.
  • Eugen Schulz

Dirk Küsgen 8

05.01.2021

Zeitnot - Analoger "Sudden Death" statt digitalen Increments

Auch die digitalen Uhren verändern in den letzten Jahren den Schachsport erheblich. Durch das Increment gibt es in jedem Fall noch pro Zug 30 Sekunden Nachschlag und man kann heutzutage das Match "in aller Ruhe"  im Stile einer Schnellpartie zu Ende bringen. Dafür blieb einem früher bei weniger als fünf Minuten Bedenkzeit das Aufschreiben erspart. Striche auf dem Papier genügten, um die Züge bis zur Zeitkontrolle zu zählen. Das Mitschreiben erledigten ganz früher die Mannschaftskameraden, später die Gegner. Duchr dasincrement hat  die Dramatik des Sudden Death, bei dem plötzlich das Plättchen der Uhr fallen konnte, und man auf Zeit verloren hatte, hat stark abgenommen. An zwei besondere Zeitnotdramen kann ich mich als Zuschauer erinnern.

Georg Badeys Gegner hatte nur noch etwa  eine halbe Minute für sechs Züge auf der Uhr. Da opferte der Schorsch unmotiviert seine Dame oder er ließ sie stehen, was keiner so genau wusste. Doch das versetzte den Gegner kurzzeitig in Schockstarre. Er überlegte cirka zwanzig Sekunden, ehe er das Geschenk einfach annahm. Schorschs Stellung war danach hoffnungslos. Die Rest-Zeit des Gegners aber ebenfalls!  Sollte der Schorsch noch drei bis vier Züge durchhalten, so fiele das Plättchen des Gegners. Das war Dramatik pur! Schorsch hatte die alte Tarrasch-Regel, dass man beim Opfer Material in Zeit umtauscht, zu wörtlich genommen. Statt in spielentscheidende Tempi hatte er seine Dame in circa zwanzig Sekunden Echt-Zeit investiert. Die Kompensation erwies sich aber als gerade noch ausreichend. Er gewann durch Bluff! Ob dies mit oder ohne Absicht geschah, wusste schon damals keiner so genau - auch er selbst nicht.

Gladbeck hatte eine Zeit lang im Hinterzimmer einer Kneipe gespielt, die im Sinne des Pavlovschen Hundes auf meiner Zunge noch nach 40 Jahren durch gefürchtetes Stern-Pils negativ konditioniert ist.  Als Norbert Wallhorn dort in höchster Zeitnot war, konnte man eine Stecknadel fallen hören, bevor aus dem Fernseher im benachbarten Gastraum wiederholt die Weise "Schmusewolle, das macht Perwoll aus Wolle" durchdrang. Beide Mannschaften verloren die Beherrschung, weil sie von schmerzhaften Lachkrämpfen geplagt wurden. Die Konzentration war dahin. Das Ergebnis der Partie habe ich vergessen. Einen Protest gab es nicht.

 

Jens Stadtmann 7

31.12.2020

                           SCHACHERINNERUNGEN : KAPITEL 1: 1971-1972

 

Ende der 60er Jahre brachte mir mein Vater die Schachregeln bei ; da er ein besserer Kartenspieler als Schachspieler war konnte ich bald mal gewinnen . Mein Interesse war geweckt : da meine Eltern die "WELT AM SONNTAG" abonniert hatten , konnte ich einmal pro Woche die von LUDEK PACHMANN kommentierten Großmeisterpartien nachspielen !

 Im April 1971 war es soweit , ich meldete mich- zur ersten und letzten?- Schülerstadtmeisterschaft an. So lernte ich noch den legendären WESTFÄLISCHEN HOF kennen , ich hoffe Eugen Schulz und Helmut Kreul werden uns noch ausführlicher über IHN berichten . In der letzten Partie der Schülermeisterschaft spielte ich mit Weiß gegen einen gewissen Manfred Droste ; als ich irgendwann den Bauern f2-f4 zog und Manni mir ihn mit dem schwarzen Bauern e4 schlug , war ich sehr überrascht,denn die "en-passant-Regel" war mir offensichtlich noch nicht bekannt ! Ein Jahr später spielte ich ineiner Partie die lange Rochade (0-0-0), obwohl die gegnerische Dame die d-Linie kontrollierte . Aber mein Gegner hat auch nichts bemerkt !

 Überhaupt war 1971 viel los im WESTFÄLISCHEN HOF : Das 50-jährige Jubiläum , die NRW-Einzelmeisterschaft (Willi Klümper vertrat unsere Farben) und das Simultanturnier mit Robert Hübner , damals der stärkste deutsche Schachspieler. Ich weiß nicht mehr wie ich zu der Ehre kam , aber ich durfte gleich mitspielen, obwohl ich erst kurz im Verein war. Also ein Sprung ins kalte Wasser , und natürlich war die Partie rasch verloren.Leider wurde der WESTFÄLISCHE HOF abgerissen und wir zogen 1972 für circa 8 Monate nach KRUSE-VIETH; damals gab es ja noch an jeder Strassenecke eine Wirtschaft. Turnierpartien gingen damals oft noch bis 23.00 , und danach wurde noch Doppelkopf gespielt ! Doppelkopf hatte ich schon als 8-jähriger von meiner Oma gelernt , insofern traute ich michals 16-jähriger mit den "alten Hasen" Willi Klümper, Gerd Sklarz, Horst Lüker ,Helmut Kreul etc. zu spielen .Zu Hause gab es dann schon mal (etwas) Krach , weil ich unabgemeldet erst um 2.00 nachts nach Hause kam !

 Überhaupt 1972 : Der legendäre Wettkampf des Jahrhunderts : BORIS SPASSKI-ROBERT FISCHER ! OST GEGEN WEST während des kalten Krieges ! Auch in unserem Verein fieberten alle der neuesten Partie entgegen.  Es war noch tiefstes Analogzeitalter und wir mussten warten , bis die Partien am nächsten Tag auf der Sportseite der WAZ bzw. der RUHR-NACHRICHTEN zu finden waren. Noch vor der Schule baute ich das Brett auf und spielte die neueste Partie nach ; überhaupt liessen meine schulischen Leistungen nach . Was sind schon langweilige Hausaufgaben gegen das (Nach-)Spielenvon spannenden Schachpartien !?

 Fortsetzungen folgen ...................  LG Jens Stadtmann

Jürgen Meffle 6

27.12.2020

Es war Winter 1969 und wir mußten in Hervest Dorsten, Hotel Erwig, gegen Hervest Dorsten III antreten. Bei der Abfahrt in Bottrop fiel schon leichter Schnee und wir hatten dadurch auch nur 5 Spieler dabei, Oswald Nowak, Hans Eugelink, Wenzel Schweiner, Johann Niesporek, Jürgen Meffle. Der Gegner freute sich sehr, denn er führte 3:0 und bot für die anderen Partien sofort ein remis an. Das gefiel  uns aber überhaupt nicht und wir nahmen den Kampf auf.Heinz Ritter, Vorsitzender bei Hervest bekam es mit dem gefürchteten " Blitzspieler" Oswald Nowak an Brett 1 zu tun.

 Nach 2 Stunden Spielzeit, 1 Stunde 50 Minuten für Ritter und 10 Minuten für Nowak hätte Ritter aufgeben müssen, so kaputt war seine Stellung. Er spielte noch 30 Minuten und sah dann seine Niederlage ein. Die nächsten beiden Partien gingen auch an uns, es stand 3:3 und der Schneefall nahm stark zu, sodass wir eigentlich nur noch weg wollten und boten darum bei den beiden restlichen Spielen, in jeweils gewonnener Stellung, remis an. Der Gegner willigte sofort ein und wir fuhren mit 4:4 nach Hause. Geht doch! 

Jürgen

 

Dirk Küsgen 5

20.12.2020

Unvergessen: Lothar Bräuer

Unvergessen ist auch Lothar Bräuer , der leider zu früh starb. Das Wort "Inklusion" war noch nicht erfunden. Die Spiellokale, zum Beispiel das Gewerkschaftshaus, waren noch nicht behindertengerecht gebaut. Doch mit gutem Willen, dem unermüdlichen Einsatz seines Bruders Günter und seines Freundes Gerd Borowski und weiteren vereinten Kräften ließen sich solche Hindernisse überwinden. Lothar war Rollstuhlfahrer und von beachtlicher Spielstärke im Schach.. Die Frage, ob es sich für mich im Sommer lohnte, mit dem Fahrrad bis zum Revierpark zu fahren, stellte sich mir nicht, denn einer war immer da, braungebrannt an der frischen Luft: Lothar. Wäre da der Winter nicht gewesen, er hätte noch besser werden können. Manchmal sagte er seinem Gegner die Züge an und dieser führte sie mit den großen Figuren des Freiluftschachs vor Zuschauern aus. Meist hatte er ein Holzbrett dabei, dass auf die Ablage seines Rollstuhls passte. Montags hatte er den Kicker und den SPIEGEL im Gepäck. Sein Fußballwissen hätte daher für das Klugscheißer-Quiz von Sven Pistor dreimal ausgereicht. Lothar war Autodidakt und belesen.

 Ohne den langen Winter wäre er sicherlich noch besser geworden. Ich erinnere mich an ihn als Spitzenmann der dritten Mannschaft, die  in Glanzzeiten des SV 21 immerhin  auf Verbandsebene gespielt hatte. Zu Auswärtsspielen fuhr  ihn sein Bruder mit großem Kombiwagen. Irgendwann, als ich nicht mehr in Bottrop wohnte, las ich, dass er sogar ein Studium an der  zwölf Kilometer entfernten Essener Uni angefangen hatte. Geht nicht gab's für ihn nicht! Für ihn nicht, für den Schachsport nicht. Als der Südafrikaner Oscar Pistorius in der Leichtathletik bei einer Olympiade mit Sprungfedern statt seinen eigenen Beinen antrat, löste das die unwürdige Diskussion aus, ob man ihn nicht disqualifizieren müsste, sobald sein Handycap zum Vorteil würde. Solange er aber ganz sicher nicht gewinnen würde, lies man ihn noch  mitlaufen, weil es dem Image des Sports gut tat.  Solch perfide Diskussionen gab es im Schach zum Glück nie. Lothar war in seiner Art, seine Ressourcen zu nutzen und sich von  Hindernissen nicht entmutigen lassen, ein großes Vorbild. Geschockt war ich, als ich irgendwann im PATT von seinem frühen Tode las.

Dirk Küsgen 4

"Auf Kohle geboren"- Ur-Gesteine des SV 1921

Es war 1919. Das ehemals größte Dorf in Preußen wird zur Stadt erklärt. Bergarbeiter aus dem deutschen Osten, zum Teil polnisch-sprachig hatten Bottrop so wachsen lassen. Zwei Jahre später wurde der SV 21 gegründet. So alt ist niemand, als dass er sich heute noch daran als Zeitzeuge erinnern könnte. Ich bin in den 70ern groß geworden. Aber immerhin konnte ich noch ein Gründungsmitglied kennenlernen, Viktor Grzenia. Gerd Sklarz begleitete uns, die damals Jugendlichen Detlef Siepmann und mich, zu einem Hausbesuch des weiß-ich-nicht-wievielten Geburtstags von Viktor Grzenia in seiner Wohnung am Ostring. Der Kohleofen glühte, Grzenia hatte noch selbst nach Kohle gegraben. Im Schach hatte er als über 80-jähriger noch erfolgreich in der Vierten ausgeholfen.

Wie er hatten in den 70ern auch noch andere alte Spieler polnisch klingende Nachnamen. Sie sprachen perfekt Deutsch, rollten aber noch das  "r" ein wenig. Es gab sie noch, die Gräber nach dem schwarzen Gold,  die einst Deutschlands Wilden Westen bevölkerten. Der Legende nach soll ein Straßenbahnfahrer am Eigener Markt die Haltestelle "Klein-Warschau" angekündigt haben. Und das durfte man erzählen ohne unter den Verdacht des Nationalismus zu geraten, weil man damit gewiss keine Minderheit beleidigte. Die Arbeiter aus dem Osten  gehörten nicht zum Ruhrgebiet, sie waren das Ruhrgebiet! Bei den meisten war die Brieftaube das Pferd des kleinen Mannes, bei einigen aber auch der Springer auf dem Schachbrett.

Da war zum Beispiel Boleslaus "Bolo" Mazurek, ein echter Freund der Jugend. Er erzählte, er sei sowohl aus der Ersten als auch aus der Zweiten freiwillig hinausgegangen, um dem Nachwuchs Platz zu machen. Gern erklärte er den Jugendlichen Schach aus den 20er Jahren. Namen wie Capablanca fielen. Als der Slogan "Trau keinem über 30" an den Schulen und Universitäten die Runde machte, bemerkte mein Schulkamerad Jost Kausträter anerkennend  dazu "Außer Bolo Mazurek !". Ja, den mochten und schätzten wir!

Ich bin nicht sicher, ob der pfeilschnelle Oswald Nowak auch einmal Bergmann war, denn er wirkte etwas schmächtig. Dafür war er pfeilschnell. Jede Turnierpartie blitzte er in fünf Minuten Bedenkzeit herunter, nicht ohne Erfolg.

Dafür war der nahezu ebenso schnelle Wenzel Schweiner sicherlich Bergmann gewesen. Er wurde im Alter leider von einer Steinstaublunge geplagt. Mit seinem Königsgambit brachte er aber eher seine Gegner und Zuschauer graduell unterschiedlich in  Luftnot, zum Hyperventilieren oder in Schnapp-Atmung.

Und dann war da Hermann Niesporek, der kleine Mann mit feinem Anzug und Hut. Sein Schach-Stil war eine gefürchtete Mischung aus holländischem Stonewall, italienischen Catanaccio und Rudi-Gutendorf-Riegel. Da konnten die Gegner schon einmal die Geduld verlieren. Das sollten sie aber lieber nicht, denn dann konterte  Hermann sie eiskalt aus. Der ehemalige Stammspieler der ersten Mannschaft wurde noch gelegentlich zu Kämpfen der Vierten aus dem Seniorenzentrum geholt und war ein absolut sicherer Punkt. Und wenn eine Uhr nicht mehr richtig tickte, brachte der ewige Materialwart des SV 1921 sie wieder ans Laufen . Was er wohl im Zeitalter der digitalen Schachuhren machen würde?

 

Dirk Küsgen 3

Bottroper Schachspieler schrieben Eröffnungsgeschichte

- der Berkenbusch-Läufer und das "Pielie"- Gambit

Zwei Spielern des SV 21 schrieben Geschichte, indem sie Eröffnungen kreierten, die fortan ihren Namen trugen.. Ich spreche von Franz Berkenbusch und Karl-Georg Pielorz. Das tolle ist, dass sie zwei Eröffnungen spielten, die es in keinem Theoriebuch gibt. Wirklich? Es gibt sie doch - allerdings mit vertauschten Farben

1) Der Berkenbusch-Stonewall

Die Berkenbusch-Eröffnung lautet 1.d4 und 2.f4. Sie ist sehr sicher, hat man irgendwann die Chance darauf, e4 zu spielen kann sich als Umschaltkonter sogar ein heftiger Angriff am Königsflügel entwickeln. Der Nachteil ist der lang eingeschlossene schwarzfeldrige Läufer. Er ist schlecht, weil eingeschlossen. Selten kann man ihn abtauschen, weil eingeschlossen. Im Endspiel befreit kann er schon einmal als Spätentwickler über sich hinauswachsen. Der Vorteil dieser Eröffnung ist, dass man für sie keine Theoriekenntnisse braucht. Aber es gibt Theorie über sie, jedoch mit vertauschten Farben. Der Berkenbusch-Aufbau ist ein holländischer Stonewall mit weißem Mehrtempo.

2) Das Pielie-Gambit

Es entstand etwa 1973 versehentlich. Charlie wollte in einer Blitzpartie gegen Hans-Jürgen Winkelmann eigentlich Sizilianisch spielen. Er erwischte aber statt des c-Bauern versehentlich den b-Bauern und verlor ihn nach 2. Lb5 umgehend - eigentlich für nichts. Trotzdem gewann Charlie zur Freude der Zuschauer noch. Das "Pielie-Gambit", war geboren. Es tauchte immer wieder auf Blitzturnieren auf, in Turnierpartien aber wagte es niemand zu spielen. Das Pielie-Gambit widersprach nämlich komplett den Grundideen eines Gambits. Normalerweise hat Weiß sowieso ein Mehrtempo und opfert dann einen Bauern, um ein zweites hinzuzugewinnen. So kann man den Gegner von Anfang an gut "pressen" Nicht so im Pielie-Gambit: Erstens hat man mit Schwarz ein Minustempo und zweitens nimmt der Gegnern den Bauern noch mit Tempo. Fritz raunzt mir zu: "Das kann nicht gut sein!"

Einigermaßen verblüfft war ich aber über den Umkehrschluss dieser Betrachtung: Da das Gambit wegen des Schwarzen Minustempos inkorrekt ist, dann muss man es halt mit Weiß spielen. Ich rede aber nicht von Sokolsky. Denn da  wäre ja noch das weitere Minustempo durch Läuferentwicklung des Gegners. Ja, wenn man dann noch ein wenig wartet, bis der Läufer schon einmal zöge, dann könnte er kein Tempomehr gewinnen. Und wenn man ihn dann noch nach LÖxb4 mit c3 vertreiben könnte, hätten wir die zweite Gambitbedingung erfüllt. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Seit über 25 Jahren spiele  ich gelegentlich "das verzögerte Pielie-Gambit im Anzug". Es heißt nur anders, nämlich "Evans-Gambit" (1.e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3).

Ein weiterer entfernter Verwandter des Pielie-Gambits wohnt an der Wolga. Dort gewinnt Weiß kein Tempo, da er noch nicht e4 gezogen hat und mit dem Bauern statt mi dem Läufer schlagen muss.  Und wenn man jetzt nach der alten Gambitregel den Bauern mit ... a6 "angreift", dann hat Schwarz nach Lxa6 sein Tempo.

 

Dirk Küsgen 2

Die Boro-Saga: Eine wahre Geschichte, die nicht nur mit Schach zu tun hat.

Wir befanden uns mitten in der Hochphase der RAF "Rote Armee Fraktion". Bundeskanzler Helmut Schmidt und die Opposition tagten gemeinsam Tag und Nacht in Krisenstäben, da schellte es an einem dunklen Winterabend an meiner Tür. Irgend  jemand betrat den Hausflur und verließ dann fluchtartig das Gebäude. Das konnte ich von oben hören. Wenige Sekunden später erfolgte ein lauter Knall. Einen Tag später fragte mich mein Vater, ob ich etwas damit zu tun hätte. Als einziger halbwüchsiger Junge im Wohnhaus bin ich in seine Rasterfahndung geraten. Die älteren Nachbarn hätten sich aufgeregt und erschreckt. Da hätte einer einen Sylvesterknaller im Hausflur gezündet. Ich war es ja wirklich nicht, ich musste nicht einmal lügen, als ich die Frage meines Vaters mit einem unschuldigen "Naaaaain" beantwortete, aber einen konkreten Tatverdacht hatte auch ich. Die Ehrenmitglieder und beinahe-schon-Ehrenmitglieder unseres Vereins, die damals die beste Jugendmannschaft Nordrhein-Westfalens bildeten, werden ahnen, wen ich als  mysteriösen Täter vermutete. Ich schreibe über die fast vergessene Al-Capone-Legende Gerd "Boro" Borowski, der damals Jugendwart war. Ich verstand damals noch nicht, was es für einen jungen Familienvater mit einer kleinen Tochter bedeutet haben mag, Samstag für Samstag eine Jugendmannschaft zu begleiten. Er verdient es, in einer Chronik nicht vergessen zu werden. Immerhin hatte er als Nachfolger von Heinz Busche die beste Schachjugend aller Zeiten im SV 21 gecoacht. Er war zwar eher Entertainer als Jugend-Trainer, aber als solcher hatte er einen guten Draht zu den Jugendlichen.

Die Autofahrten mit seinem alten Kadett hatten Unterhaltungswert. Stets waren seine Scheibenwaschdüsen verkehrt herum eingestellt, um an roten Ampeln bei brüllend heißem Sonnenschein irritierte Fußgänger von hinten zu bespritzen, sodass die sich fragten, woher der Regen vom blauen Himmel käme. Gerne würgte er seinen Wagen an der Ampel stehend absichtlich ab, um genau dann als Erster und Letzter  zu starten, wenn die Ampel schon wieder von Grün auf Gelb umsprang, sehr zum Zorn der hinter ihm stehenden Autofahrer, aber zu unserem vollen Vergnügen. "Ausgebremst!" sagte er. Spielte einer, ohne sich Mühe zu geben, schlecht, dann kam er erst nach einigen Liegestützen vor versammelter Mannschaft zur Rückfahrt in sein Auto.

Auch gab es schon einmal einen Spezialcode mit dem er seinen Schützlingen während der Partie etwas zuflüsterte. Der König war unser Vorsitzender Max Daun. Die Bauern waren die F.D.P. Die Felder waren durchnummeriert. So konnte es passieren, dass hinter Gudrun plötzliche der merkwürdige Satz ertönte: "Helmut Kreul wird siebzehn". Hing da etwa auf a 7 ein Bauer? Ältere Mitglieder, die es zwar besser wussten, aber trotzdem ahnungslos waren, kommentierten kopfschüttelnd. "Der ist doch schon fast 40."

Ein wenig konnte der Boro zaubern, allerdings nicht so sehr auf dem Brett, sondern ... Mit einigen Leuten begleiteten wir den VfB Bottrop auswärts zum Essener Uhlenkrug. Während der Straßenbahnfahrt schnappt er sich die schottische Baskenmütze von Hans-Georg. Als sich die Straßenbahntür öffnete, sah es nach einer täuschend echten Bewegung so aus, als habe er sie an der Haltestelle aus der Bahn geworfen. Soweit ich mich dann erinnern kann, zog es sie zwei Minuten später doch noch aus der Jackentasche.

Ein anderer beichtete mir neulich noch am Telefon, bei Georg Wetterau habe es morgens geklingelt und einer habe bei ihm eine Zeitung kaufen wollen. Das Verkaufsschild der Bild-Zeitung von der Bude nebenan stand in seinem Vorgarten. Die Tat ist nach 40 Jahren verjährt, das Delikt nie aufgeklärt worden.

Bei der NRW-Mannschaftsmeisterschaft der Jugendlichen 1976 im Revierpark betreute er die Truppe. Da habe ich noch mitgespielt. Rainer Schefczik erinnert sich, dass die Älteren zweimal zur Deutschen Meisterschaft gefahren waren, einmal nach Frankfurt, einmal nach Hamburg, und sich achtbar gegen Auswahlmannschaften anderer Bundesländer geschlagen habe, obwohl man Manfred Droste habe für die NRW-Auswahl abgeben müssen. 1977 war die Goldene Generation der 21er- Jugend  (Manfred Droste, Jens Stadtmann, Klaus Busche, Hans-Georg Skolarski, Georg Wetterau, Rainer Schefczik, Dieter Kulpa, Armin Kamp, Rainer Demond, Karl-Georg Pielorz, Andreas Urh) binnen zwei Jahren "in Rente"  gegangen. Nur die etwas Jüngeren wie Detlef Siepmann, Jochen Rozek, Gudrun Schliecker und ich spielten noch in einer längst nicht mehr so starken Jugendmannschaft.

Soweit ich mich recht erinnere, hatte sich auch Gerd Borowski zwischen 1976 und 1977 aus dem Amt verbschiedet. Wer PATT lesen kann, ist klar im Vorteil, aber das Vereinsheim mit dem Archiv-Ordner ist gerade wegen Corona geschlossen. Ohne die Leistungen seines Vorgängers Heinz Busche schmälern zu wollen, bleibt Gerd Borowski für mich zum Jubiläum der Jugendwart des Jahrhunderts.

 Er hätte wohl noch als lustigster Zweiter Vorsitzende aller Zeiten eins obendrauf gesetzt, wenn man ihn  gelassen hätte. Ich ernenne ihn noch heute noch zu meinem persönlichen "Vize der Herzen". Das  gehört eigentlich nicht in die Chronik, ist aber nur gerecht. "Hier schreib ich, und ich kann nicht anders!" Irgendwann gegen Ende der Siebziger Jahre verließ er eher still und ohne Knall-Effekte den Verein. Danke für alles, Boro!

Dirk Küsgen

Dirk Küsgen 1

 

Die unsterbliche sechste Mannschaft: Ein Herz und eine Seele

Kurz hinter Ebel dümpelt auf der anderen Kanalseite ein Traditionsverein mehr schlecht als recht seit Jahren in der Regionalliga vor sich hin. Das stört seine immer noch zahlreichen Fans offenbar nicht. Auf ihren Schals steht trotzig "Liebe kennt keine Liga". Die Stimmung und die Zuschauerzahlen sind besser als bei manchem Zweitligisten. Gute Stimmung, Tradition, viele Fans -an welche 21er-Mannschaft erinnert uns das?

In den 70er und 80er Jahren gab es beim SV 21 eine Truppe, die zwar nicht das beste Schach spielte, aber stets mehr Zuschauer als die Erste anzog. Die legendäre Sechste spielte höchstens  in der Bezirksliga, aber ihr Mannschaftsgeist hatte Champions-League-Format.  Nach den Kämpfen ging es meist in die Alten Stuben. Da bog sich eines Nachts eine Autoantenne an der Hans-Böckler-Straße. Ein Spieler war auf dem Weg nach Hause unabsichtlich über eine Motorhaube gestolpert. Den Namen kenne ich zwar noch, nenne ihn aber nicht.

Da stand auch schon mal ein geöffnetes Fass Bier im Spiel-Lokal, weil das sympathische Team bereits eine Runde vor Saisonende aufgestiegen war. Die Gegner wurden gleich mit eingeladen. Und die wussten sich wenigstens zu benehmen. Sie feierten mit, statt krampfhaft Schach spielen zu wollen. Es ging ja um nichts mehr. 

Auf  dem Schwarz-Weiß-Foto jener Aufstiegsfeier sehe ich Georg Badey, Gerd Baron, Berni Freyhoff, Markus Trockel, Frank Dohrmann, Paul Schenke, Detlef Niepel und Jost Kausträter. Auch Heinrich Jansen, Ewald Petry und Robert Wolter waren über mehrere Jahre Stammspieler.

Der  Schorsch war ein echter Kumpel, ein Spaßvogel, ein herzensguter Kerl. Nur eines konnte er nicht leiden: Nicht jeder Gegner machte so gut mit wie die Gastmannschaft der Aufstiegsfeier. Nicht jeder gab nach längst entschiedenem Kampf Remis, sodass die dritte Halbzeit schneller beginnen konnte. Ein gewisser Herr Althoff aus Hervest-Dorsten oder Gladbeck, das spielt keine Rolle mehr, wollte gegen Schorsch unbedingt um die goldene Ananas weiterspielen. Als er dann irgendwann nach zähem Ringen tatsächlich auf Gewinn stand, verzögerte sich dessen Heimreise aber ganz erheblich!  Jetzt hatte der Schorsch auf einmal Zeit. Er gab nicht auf. Er zog auch nicht mehr, sondern ließ einfach über eine Stunde lang kommentarlos die Uhr herunterticken. Der Gegner soll den Beginn des Tatorts im Fernsehen verpasst haben. Und seine Geschichte erzählte der Schorsch noch jahrelang mit Wonne bei jedem Après-Schach in den Alten Stuben. Und was war die Moral von der Geschicht'? 

Die Sechste war "Ein Herz und eine Seele" und der Schorsch war ein Pfundskerl. Er lachte gerne laut und herzhaft. Nur wenn einer durch falschen Ehrgeiz das Bier nach dem Spiel hinauszögerte, verstand er keinen Spaß mehr. Dann konnte er auch schon mal zum "Ekel Alfred" werden.

Dirk Küsgen