Zeitzeugen

Dirk Güsken 33

08.04.2021

Heinz Busche als Jugendwart

Sein Name darf nicht fehlen, wenn es um die legendäre Schachjugend der Siebziger geht. Der Jugendwart in der Gründerzeit dieser Mannschaft war unser heute ältestes Mitglied: Heinz Busche. Sein Nachfolger Gerd Borowski (siehe eigenen Artikel) hatte wohl unerreichten Unterhaltungswert, doch dürfte Heinz Busche das schachliche Fundament für die Erfolge gesät haben, die 1975 und 1976 wie reife Früchte abfielen.

Da ich noch recht jung war, weiß ich von ihm nicht so viel zu berichten. Angelockt durch die großen Figuren eines Demobretts auf dem "Hötten"-Platz durfte ich mit Georg Wetterau gegen Rainer Schefczik und einen Gegner, den ich vergessen habe, ein Doppel mitspielen. Samstags drauf tauchte ich neugierig im Westfälischen Hof auf.

Ich war gerade neun Jahre alt. Bei den pausenlosen Blitzturnieren kassierte ich eine Niederlage nach der anderen. Nur gegen die Schmitz-Mädchen Doris und Elke hatte ich eine Chance. So war ich froh, dass Heinz Busche gelegentlich das Blitzen durch ein kurzes Training unterbrach: Die Mattsetzung mit zwei Läufern. So selten die in der Praxis auch vorkam, hatte sie zumindest den Vorteil, dass man gegen den blanken König nicht verlieren konnte. Ein Remis war sicher. Ein Erfolgserlebnis war möglich.

Dennoch zog ich mich ob der vielen Niederlagen gegen "die Großen" erst einmal zwei Jahre zurück, bevor mich erneut Georg Wetterau am Ehrenplatz ansprach. Heinz Busche war ein guter Organisator, der zahlreiche Jugendturniere in Bottrops ständig wechselnde Spiellokale holte und leitete. Ich sah bei Bezirksmeisterschaften an der Eupenstraße zu. Später fanden samstags Im Gewerkschaftshaus Mannschaftskämpfe statt. In den Weywiesen und im Rheinbabenheim gab es in den Schulferien Verbandsmeisterschaften. Im Revierpark fand die, dann schon von Borowski und Landesjugendwart Peter Becker (Ibbenbüren) organisierte NRW-Mannschaftsmeisterschaft 1976 statt, bei der ich am Schülerbrett mit den Großen mitspielen durfte.

Faszinierend fand ich, wie Heinz Busche die Runden beim Schweizer-System-Turnier von Hand ausloste. Das so etwas ging, wird im Computerzeitalter Staunen auslösen. Das Beste aber waren die Fortschrittstabellen mit analogem Balkendiagramm. Der Clou war der grün-rote Balken, der die erzielten Punkte abbildete.  Links waren in grün die Pluspunkte, rechts die Minuspunkte. Nach der letzten Runde trafen sich beide Balken, je nach Erfolg etwas weiter links oder rechts der Mitte.  Das Diagramm erinnerte an den für die 60er-Jahre futuristischen Opel-Rekord-Tacho. Dort leuchtete es bis 50 km/h grün, von 50 bis 100 Km/h gelb und ab 100 Km/h rot.

Selbst die heute noch analogen Kult-Anzeigetafeln der Essener Hafenstraße, der Grünwalder Straße in München und der  Berliner Alten Försterei wirken gegen die Heinz-Busche-Klebemärkchen ziemlich armselig.

 

Hans-Peter Cannibol 32

05.04.2021

Eine kuriose Partie

Liebe Schachfreunde, meine wohl kurioseste Partie, an die ich immer wieder gerne zurückdenke, spielte ich etwa Jahre im1974 in Hervest-Dorsten. Da meine Aufzeichnungen sämtlich einer Überschwemmung in Ratingen zum Opfer fielen, weiß ich leider nicht mehr, wann die Partie genau stattfand und wie der Gegner hieß. Aber vielleicht erinnert sich noch jemand von Euch daran.

Will Klümper und Gerd Sklarz hatten eine Einladung zu einem kleinen Schachturnier mit vier Teilnehmern vom SK Hervest-Dorsten erhalten und fragten mich, ob ich Zeit und Lust hätte, mitzukommen. Ich hatte – und fuhr mit.

Mein erster Gegner war der damalige SK-Spitzenmann Sagadin. Ich hatte Schwarz und opferte zwei Bauern, die mein Gegner ohne viel zu zögern, fraß – und kurz danach aufgeben musste. In der Woche danach traf ich gleichfalls mit Schwarz auf den damals laut Ingozahl (so um die 85), zweitbesten Hervest-Dorstener Spieler.

Der eröffnete:

1.   Bauer d2 nach d4.

Ich antwortete

1…. Springer g8 nach f6.

Darauf folgte 

2. Läufer von c1 nach Lg5.

Dieser Eröffnungszug war mir neu- und ich spielte nach rund 20 Minuten Bedenkzeit unbefangen

2. ….. Springervon f6 nach e4).

Darauf folgte wenig überraschend

3. Zug: Läufer von g5 nach h4.

Das bereitete mir wenig Sorgen und ich antwortete nach weiteren 20 Minuten Nachdenken mit

3 …. Bauer von d7 nach d5.

Nach tiefem Nachdenken folgte von Weiß:

4. Bauer e2 nach e3.

Scheinbar ist nichts los auf dem Brett. Aber das täuscht. Mir kam eine etwas seltsame Idee und ich ließ die Falle zuschnappen, indem ich im 4. Zug spielte:

4. Zug Dame von d8 nach d6.

Der Gegner stutzte, aber blieb ohne Arg. Vor allem, als er sah, dass ich mit Dame d6 auch Dame nach b4 Schach nebst Dxb2 drohte, so dass mein Zug irgendwie nicht gänzlich unsinnig schien. Um diese fiese Drohung abzuwehren, spielte er arglos

 

5. Zug Bauer von c2 nach c3.

Da schnappte meine Falle zu:

5. Zug Dame d6 nach h6 und Schwarz steht auf Verlust.

Mein Gegner brauchte eine Weile um die Konsequenzen durchzurechnen. Sein Kollege Sagadin schüttelte ob der seltsamen Stellung sein Haupt. Meine Freunde Willi Klümper und Gerd Sklarz spinxten über meine Schulter und grinsten über beide Ohren.

Mein Gegner war geschockt. Es half aber nichts. Irgendwann folgte von meinem Gegner:

6. Läufer h4 nach g3. Darauf antwortete ich mit

6. Springer e4 schlägt Läufer g3.

Weiß antwortet mit 7. Bauer f2 schlägt g3.

Ich antwortete mit

7. Zug Dame schlägt Bauer e3 mit Schach.

Mit einem glatten Mehrbauern tauscht man natürlich gerne die Dame, so dass der Gegner mit dem

8. Zug Springer g8 nach e2 antwortete.

Schwarz steht überlegen, hat einen Mehrbauern und die weiße Stellung ist ein Trümmerhaufen.

Schwarz braucht eigentlich nichts zu machen, aber ich wollte die Diagonale g1 bis a7 ein wenig aufräumen und zog

8. Zug: Bauer c7 nach c5

Weiß antwortete:

9. Zug Bauer d4 schlägt Bauer c5

Darauf folgte von mir:

9. Zug: Dame e3 schlägt Bauer c5.

Für Weiß ist kein vernünftiger Plan erkennbar.

Mein Gegner war offenbar derselben Meinung, so dass er die Partie aufgab.

Das war die zweite Partie in einem Turnier, das ich schließlich gewann.

 

Jens Stadtmann 31

05.04.2021

DOPPELKOPF UND SCHACH :

 In unserer Familie gab es eine große Kartenspieltradition , sehr früh lernte ich die Regeln von Skat und Doppelkopf. Von dem legendären Oberbürgermeister Ernst Wilczok , mit dem mein Vater befreundet war , stammt der Spruch :" daß Stadtmanns Kinder eher Kartenspielen als Beten konnten" ! Also muss das schon vor meiner Kommunion gewesen sein . 

Unvergessen bleiben die Spielnachmittage mit Oma Maria (*1894) , Großtante Lischen (*1893) meinem Bruder (*1952) und mir (*1956) . Da die alten Damen nicht mehr so gut die Karten behalten konnten , konnte ich mein Taschengeld mit einem Tagesgewinn von 1 oder 2 DM aufbessern:) Wenn Besuch kam wurde auch schon mal Doppelkopf zu sechst gespielt ! Dabei spielte der erste Karobauer mit den Kreuzdamen ,  sehr unterhaltsam ... 

Nach den Lehrjahren wurde es 1972 ernst , ich war gerade ein Jahr im Schachverein und 16 Jahre alt . Nach einer Freitagabendpartie ergab es sich , daß ich mit den Doppelkopfgiganten Willi Klümper , Gerd Sklarz  und Franz Berkenbusch spielen durfte. Der Druck war groß , aber ich war schon recht kampferprobt , hatte immerhin schon mit meinem Vater und OB Wilczok gegen zwei fanatische Skatspieler gespielt ! Ich vergaß die Zeit und kam erst um 2.00 nach Hause , natürlich unabgemeldet , denn Handys gab es ja noch nicht ! Am nächsten Morgen gab es etwas Krach...aber am folgenden Freitag wurde es wieder so spät ( bzw. früh). Ein Vorteil war , daß unser Spiellokal Kruse-Vieth nur 100 Meter von zu Hause entfernt war. 

Das Doppelkopfspiel wurde mindestens so ernst genommen wie eine Turnierpartie genommen , ein paar Fehler und die Groschen in meinem Geldtöpfchen wurden immer weniger. An weiteren Mitspielern erinnere ich mich an Eugen Schulz , Helmut Kreul , Ewald Petry und Horst Lüker.  

Leider ist zu befürchten , daß im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung die alten Gesellschaftsspiele vom Aussterben bedroht sind , eigentlich schade . Erfreulicherweise ist wenigstens das Schachspiel  sehrdigitalkompatibel :)

 Jens Stadtmann

Jens Stadtmann 30

03.04.2021

SCHACHJUGEND SV 1921 , 1971-1976

 Im April 1971 betrat ich zum erstenmal den Westfälischen Hof , ich hatte mich für die Schülerstadtmeisterschaft angemeldet . Turnierleiter war  Peter Canibol . Manni Droste , Jens Stadtmann , Dieter Kulpa und Rainer Schefczik waren neu dabei , sie bildeten den Kern der später so erfolgreichen Jugendmannschaft . Schnell kristallisierte sich heraus , daß Manni unser  Überflieger war , während ich mir alles hart "erarbeiten" musste. Zahlreiche Bücher wurden gewälzt , unvergessen bleibt , daß ich alle 4 Bände der  Cheron´schen Enspielbücher durchackerte , mehr als 1500 Seiten !!  Wenn da nicht dauernd die lästigen Schularbeiten gewesen wären ......

 Jahr für Jahr wurde die Mannschaft stärker , 1972 kamen H.G.Skolarski und Georg Wetterau dazu und die ersten Erfolge auf Bezirksebene und  Verbandsebene stellten sich ein ; allerdings gab es im Bezirk die zunächst noch etwas stärkere Jugendmannschaft von Buer 1921 ,damals auch bei den Senioren der ewige Rivale. Betreut wurden wir vom Jugendwart Heinz Busche , später schon vom vorgenannten Gerhard Borowski ! 

Manni Droste startete durch und schlug auch mal den legendären Karl-Heinz Podzielny. 1975 wurde Manni Blitz-NRW-Meister der Jugend. Ein großen Schub gab es bei der NRW-Meisterschaft 1974 in Menden. Am Ende des Turnier hatten wir die meisten Brettpunkte , aber leider  zwei Kämpfe 2,5:3,5 verloren und wurden nur Vierter . Immerhin gewannen wir gegen den Dritten Paderborn 6:0 !! Wir hatten das Glück , daß 1974 in Menden gleichzeitig die Deutsche Seniorenmeisterschaft lief und wir kostenfrei und unbegrenzt zuschauen konnten. Die tolle Atmosphäre werde ich nicht vergessen.

 Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz : Hatten wir mal keine Lust auf Schach , trafen wir uns bei Manni oder Hans-Georg zum Malefiz oder Risiko-Brettspiel. Die Runde wurde meistens ergänzt durch Karl-Georg Pielorz , dem Erfinder des Pielorz-Gambit ( 1.e4 b5 !) und Andreas Urh. Es war immer sehr lustig , auch wenn Hans-Georg auf dem Parkfriedhof wohnte , denn sein Vater war Friedhofsgärtner !

 Dann 1975 der große Durchbruch , erst wurden wir NRW-Blitzmannschaftsmeister ,dann kam die NRW-Meisterschaft im klassischen Schach. Es ging gleich mit einem 6:0-Sieg gegen Hüingsen (Sauerland) los , dann fieberten wir dem Kampf gegen den Erzrivalen und Titelverteidiger Buer entgegen . Wir brachten ihnen eine krachende 5:1-Niederlage bei , danachgab es kein Halten mehr . Mit 5:0 Siegen und 25:5 Brettpunkten konnten wir uns für die Deutsche Jugendmeisterschaft qualifizieren .

 Diese war 1976 in Frankfurt , ich bekam sogar Sonderurlaub vom Barras. Leider gab es bei diesem Turnier keine Vereinsmannschaften , sondern nur Landesmannschaften. Wir starteten als NRW 2 ,und mussten an NRW 1 unser Zugpferd Manni Droste abgeben . So landeten wir leider nur im Mittelfeld , ich war immerhin stolz auf meine 4:3-Brettpunkte an Brett 1.... Da konnten wir leider nicht beweisen , daß wir 1976  vielleicht die beste Jugendmannschaft Deutschlands waren !?!?

 Jens Stadtmann

Eugen Schulz 29

02.04.2021

Die Vorbeter

Schnellschachturniere unter Nutzung einer Schachuhr, die sogenannten „Handicap-Turniere“, waren auch in der Frühzeit meines Schachspielerlebens bekannt, aber unbeliebt, weil die Uhren zu sehr beansprucht wurden. In der Regel verfügte ein Verein für die Mannschaftskämpfe über 8 Uhren und zusätzlich als Reserve über weitere 2 Uhren.

Bei Veranstaltungen, bei denen mehr Uhren benötigt wurden, halfen andere Vereine mit Leihgaben aus.

Gebräuchlich waren dagegen Blitzturniere, für die keine Uhren gebraucht wurden, weil es keine Begrenzung der Zeit pro Partie gab. Gespielt wurde vielmehr im 5-Sekunden-Rhythmus. Jeder Spieler hatte also pro Zug eine Bedenkzeit von 5 Sekunden. Das notwendige Kommando gab ein Freiwilliger, meist also der Turnierleiter. Glücklich derjenige, bei dessen Turnier ein Klavier im Saal stand. Alle fünf Sekunden wurde eine Taste angeschlagen, das war unüberhörbar. Wenn diese Möglichkeit nicht bestand, das war meistens der Fall, stellte sich der Freiwillige also wie ein Vorbeter vor den Turnierteilnehmern auf und kommandierte wechselweise „weiß“ und dann „schwarz“. Das war natürlich für die Spieler eine Hilfe bei der Kontrolle, wer zu ziehen hatte. Nicht jeder Ansager hatte eine Uhr mit Sekundenzeiger. Also wurde in Gedanken gezählt: eins, zwei, drei, vier“ und dann laut „weiß“ oder „schwarz. Die technisch Fortschrittlichen hatten ein Tonbandgerät mit einer Endlosschleife. Die Rufe erinnerten an die Schreie des Steuermanns bei Drachenbootrennen.

Diese Form der Schnellschachturniere verlangte den Teilnehmern ein hohes Maß an Disziplin und Fairness ab. Gezogen werden musste unmittelbar nach Kommando. Wer bei „weiß“ ziehen musste und das Kommando „schwarz“ hörte, sah wie sein Gegner den König kassierte und für sich den Gewinn reklamierte. Nun nutzten viele die 4 Sekunden nach Kommando als zusätzliche Bedenkzeit, das war legal. Einer meiner Schachfreunde zog fast regelmäßig beim nächsten Kommando. Ich kannte aber sein Phlegma und brachte es nicht übers Herz, das zu beanstanden. So kam ich in die kuriose Situation, als Weißer beim Kommando „schwarz“ ziehen zu müssen. Eine neue Herausforderung für die kleinen grauen Zellen!

Das einzige Mal, bei dem es ernsthaften Streit gab, ereignete sich bei einem Mannschafts-Blitzturnier. Ein Spieler reklamierte, sein Gegner habe zwei Züge nacheinander gemacht.

Dieser bestätigte das mit dem Hinweis, er sei mit seiner Farbe zum Ziehen aufgefordert worden. Da sein Gegner in der vorgeschriebenen Zeit nicht gezogen hatte, hätte er dessen König kassieren können. Allerdings machte ihm die Partie wohl so viel Spaß, dass er weiterspielen wollte. Was sollte nun mit der Reklamation geschehen? Aus Zeitgründen wurde eine Neuansetzung der Partie ausgeschlossen. Eilig wurde ein Schiedsgericht einberufen, dem ich angehörte, außerdem Walter Wallbaum vom Schachklub Bottrop 1950 und ein weiter Unparteiischer, dessen Namen ich vergessen habe. Wir steckten die Köpfe zusammen und suchten eine Lösung. Einen allein Schuldigen konnten wir nicht finden. Einer hatte die Zeit überschritten, der andere zwei Züge nacheinander gemacht. Also wurde bekanntgegeben, das Schiedsgericht habe ohne Kenntnis des Urteils auf das Ergebnis der Mannschaften entschieden, beide Spieler seien mit dem Verlust ihrer Partie zu sanktionieren. Ein kleiner Aufruhr war die Folge, niemand war zufrieden. Das nennt man einen gelungenen Kompromiss! (Ehrlich gesagt wüsste ich auch heute noch keinen fundierten Rechtsspruch.)

Eugen Schulz

Andreas Urh 28

01.04.2021

Jeden Sonntag läuft momentan im Sender WDR2 das "schwerste Radio-Quiz
der Welt", bei dem vier Begriffe genannt werden und die Hörer die von
der Redaktion vorgegebene Gemeinsamkeit herausfinden sollen. Ich mache
es noch ein Bisschen schwerer und nenne gleich sechs Begriffe. Was haben
RWE, Gerichtstermin, Schwimmbad, McDonalds, LAN-Party und Rockpalast
gemeinsam? Bei der Jugendabteilung des SV21 aus den 1970ern klingelt es
da sofort, für die anderen hier die Auflösung:

So wie man sich im Leben zwischen den Rolling Stones und den Beatles
oder TKKG und den drei ??? entscheiden muss, stand man im Ruhrpott vor
der Frage "RWE oder Meineid 04?" (was eigentlich keine ernst gemeinte
Frage sein sollte). Regelmäßige Besuche an der Hafenstraße gehörten zum
Freizeitprogramm; in Erinnerung ist mir da besonders ein Angebot an
Detlef Siepmann geblieben, für 100 D-Mark ein Heimspiel gegen S04 in
rot-weißem Outfit zu besuchen. Er lehnte aus gesundheitlichen Gründen ab.

Nicht ablehnen konnte er jedoch später eine Einladung des Bottroper
Amtsgerichts, weil er zuvor ein anderes Angebot angenommen hatte. Rainer
Demond hatte ihn abends auf einem Parkplatz mit seinem Auto (genauer
gesagt war es aber nur ein VW Käfer) fahren lassen. Wäre nicht so
schlimm gewesen, aber Detlef hatte noch keinen Führerschein und die
kurze Rochade von Fahrer- zu Beifahrersitz war für die ankommende
Polizei nicht schnell genug vollzogen worden - eine folgenreiche
Ungenauigkeit in der Eröffnung. Wochen später saß dann ein halbes
Dutzend junger Schachspieler auf den Zuschauerplätzen, um das fällige
Endspiel der beiden live mitzuerleben. Man einigte sich auf ein "Remis
mit Sozialstunden".

Polizei, Parkplatz bzw. Schwimmbad Revierpark - da war doch noch etwas?
Richtig, die regelmäßigen Besuche derselben Personengruppe. Auch hier
wurden wir beim Verlassen von einem ankommenden Polizeiwagen angehalten
- schließlich war ja in Zeiten der RAF alles irgendwie verdächtig, was
nachts aus einem Gebüsch kam. Geistesgegenwärtig bekam ich alle fünf
Handtücher unter meine Jeansjacke gesteckt, als Frau wäre das mindestens
der neunte Monat gewesen. Bei der anschließenden Befragung vor Ort ("wir
sind spazieren") fiel das genausowenig auf wie unsere nassen Haare, im
Nachhinein waren die Beamten aber wohl einfach nur nett.

Pommesbuden gab es damals in Bottrop reichlich, etwas Besonderes war
aber die Eröffnung des ersten McDonalds am Hauptbahnhof Oberhausen. Da
mussten wir einfach hin, wieder im "Auto" von Rainer Demond. Dieses Mal
verkehrspolitisch völlig korrekt mit einem Fahrer, der auch über die
notwendige Lizenz verfügte - fünf Mann in einem Käfer, aber wir waren
wieder dabei und auf der Höhe der Zeit!

Unserer Zeit weit voraus waren wir dagegen bei unseren regelmäßigen
Spielabenden. Nicht, dass Risiko oder Malefiz (mit der selbsterfundenen
Team-Variante "Zerstörer") oder Monopoly etwas Besonderes waren. Aber
die Jugend des SV Bottrop 1921 hielt weltweit die ersten LAN-Partys ab!
Wir brauchten dazu sechs Taschenrechner, zwei Dreifachsteckdosen und
natürlich Chips und Cola - das ließ sich alles im Hause Droste locker
hinbekommen. "Opernplatz, ich kriege 400 Mark" - "alles klar, ich mache
die Überweisung fertig" - beide tippten 400 mit unterschiedlichen
Rechenzeichen in ihre Taschenrechner ein, das bargeldlose Monopoly war
erfunden. Zum Glück gab es auf den Geräten noch keine Quadrat-Taste, auf
die man irrtümlich tippen konnte.

Ebenfalls eine Weltpremiere war 1977 der erste Rockpalast in der Essener
Grugahalle mit Little Feat, Roger McGuinn´s Thunderbyrds und dem leider
viel zu früh verstorbenen Rory Gallagher als Opener.
Karten nur an der Abendkasse, das einzige Problem war unser Mädchenbrett. Gudrun wollte auch unbedingt dabei sein, ihre Mutter hatte aber Bedenken. Trotz der oben erwähnten Vorkommnisse gab es aber einen hinreichend großen Vertrauensvorschuss für die netten Jungs vom Schachverein; Karl-Georg Pielorz sicherte zu, sie sogar bis zur Tür des Mädchenklos zu begleiten - und so wir waren alle wieder dabei. Dieser Deal hat mich fast 30 Jahre später eingeholt, als meine Tochter im selben Alter mit ihrem Freund auf das Silvester-Konzert "Ärzte statt Böller" ins Müngersdorfer Stadion wollte. Manche Sachen ändern sich offenbar nie - weder in den letzten 100 Jahren noch in den nächsten!

Und dann war noch das Oldie-Konzert mit T. Rex, The Sweet und Slade Ende
der 1990er in Iserlohn, als ich in einer Umbaupause mit Dirk Küsgen ein
weiteres Mitglied der Jugendabteilung traf - auf der Herrentoilette!
SV21er sind eben immer und überall...

Andreas Urh 

Eugen Schulz 27

25.03.2021

Saure-Gurken-Zeit

Für das Schachleben war es immer wichtig, einen Terminkalender mit Turnieren zu füllen.

Das Rundenturnier wurde zu Recht dem Turnier nach Schweizer System vorgezogen.

Generell wurde mit 10 Teilnehmern gerechnet. Bei größerer Bewerberzahl wurden Klassen eingerichtet mit Auf- und Abstieg. Aus sportlicher Sicht ist das eine spannende Sache. Um zu vermeiden, dass Spieler während des Turniers zurücktraten, wurde beim Start ein „Reuegeld“ erhoben und bei geregeltem Turnierende zurückgezahlt.

Der Zeitrahmen pro Turnier betrug im Allgemeinen neun Wochen. Meist wurde für den Beginn der Saison die Vereinsmeisterschaft geplant, worauf mit Abstand die Stadtmeister-schaft folgte. Da aus allen vier Bottroper Vereinen spielstarke Teilnehmer vertreten waren gab es spannende Auseinandersetzungen. Die Meisterschaft des Bezirks Unter-Emscher bot auch zehn Teilnehmern mit einem Schlüssel für die Städte Gelegenheit zum Kräftevergleich. Gespielt wurde samstags nachmittags. Der Bezirk vergrößere sich zunächst durch Oberhausen, später kam Gelsenkirchen hinzu und bekam den Namen „Emscher-Lippe“.

Nachdem im Verein noch Pokalturnier und Blitzmeisterschaft erledigt waren endete die Saison meist zeitgleich mit dem letzten Mannschaftskampf.

Nun war die Saure-Gurkenzeit zu überbrücken. Es gab verschiedene Angebote, ernsthaft Schach zu spielen. Leider fanden viele neue Ideen keinen Anklang. Besonders traurig war ich über das Scheitern der „Ewigen Rangliste“.  Wahrscheinlich gab es aber in der Sommer-zeit eine Turniermüdigkeit. So kamen einige Spieler zum Spielabend, setzten sich für einige Uhrenpartien ans Brett und sahen sich nach Partnern für Doppelkopf um. Überraschend wurde das dem Skat vorgezogen, obwohl Skat und Schach besser zueinander passen.

Eine Gruppe, die öfter beim Doppelkopf zusammenkam, bestand aus Willi Klümper, Gerd Sklarz, Franz Berkenbusch und Eugen Schulz. Sie hatte besonders viel Ausdauer. So trug es sich im Westfälischen Hof eines Abends zu, dass vier Doppelkopfspieler die letzten Gäste waren. Die Spieler standen am Tresen, um abzurechnen. Der Wirt ging kurz in die Küche.

Die Spieler betrachteten die vielen Flaschen mit Hochprozentigen und überlegten, welche Flasche sie wohl mitnehmen wollten. Sie hatten zwar einiges an Bier konsumiert (was beim Schachspielen undenkbar war), zählten auch nicht zu den Schnapsbacken, Gerd entschied sich aber für die Flasche mit dem meisten Inhalt. Eugen hatte einen Mantel, in dessen tiefen Taschen die Flasche verschwand. Inzwischen war der Wirt zurück. Die Diebe wollten im Auto von Willi, das vor der Tür parkte, etwas von ihrer Beute genießen, aber nicht aus der Flasche trinken. Willi fragte also scheinheilig den Wirt, was eigentlich ein Schnapspinnchen kosten würde. Ein Freund wolle eine Gaststätte übernehmen und hätte Bedarf. Der Wirt überlegte kurz und nannte für ein Glas mit Eichstrich einen relativ hohen Preis. Sie zweifelten, schließlich händigte der Wirt ihnen ein Glas als Muster für die Recherche aus.  Die Gäste zahlten und verabschiedeten sich. Der letzte von ihnen hatte noch nicht richtig im Auto Platz genommen, da stürzte wutentbrannt der Wirt herbei und forderte vehement die Flasche zurück. Der Ober hatte unbemerkt den Diebstahl beobachtet und den Wirt informiert. Die Flasche wurde zögernd wieder ausgehändigt.

Man hatte die Rechnung also ohne den Wirt gemacht. Im Nachhinein betrachtet war das wohl eine Schnapsidee. (Die Geschichte hätte sich so nicht zutragen können, hätte der Wirt nicht Erich Ingendoh geheißen.)                                                        

Eugen Schulz

Heinz Jäger  26

25.03.2021

Der heimliche Fan

Ich denke, dass ich ungefähr zwölf war, als mein Vater meinen beiden Brüdern und mir das Schach spielen beibrachte. Es folgte das Doppelkopfspiel, das ich jedoch mehr aus der Beobachterrolle wahrnahm, dann nämlich, wenn er sich auf Familienfesten mit einigen meiner Onkels zum Kartenspiel zurückzog und ich ihm stundenlang über die Schultern schaute, um zu lernen. Das Schach allerdings wurde regelmäßig zwischen uns ausgeübt, wenn auch sehr laienhaft, da wir alle nicht die geringste Ahnung von Eröffnungen oder Taktik, geschweige denn von irgendwelchen strategischen Plänen hatten. Von daher verteilte sich auch der Erfolg recht gleichmäßig unter uns.

Das änderte sich, als ich Anfang der Achtzigerjahre dem SV 21 beitrat, mir die ersten Bücher zulegte und sich durch das Spiel mit erfahrenen Gegnern meine gesamte Spielweise änderte. Danach ging für meinen Vater nichts mehr und er verlor die Lust an dem ungleichen Kräftemessen. Nur sporadisch kam es später noch zu vereinzelten Partien.

Die Lust am Schach selber war indes bei ihm ungebrochen. Er war stets interessiert zu erfahren, welche Turniere stattgefunden hatten und immer wieder spielten wir die eine oder andere etwas gelungenere Partie nach. Auch was der Schachverein Bottrop 1921 an Erfolgen zu verzeichnen hatte und in welcher Klasse und mit welchem Erfolg die erste Mannschaft gerade unterwegs war, wollte er wissen, wenn wir über den Verein sprachen. Klar, dass er mit Spielernamen wie Willi Klümper, Franz Berkenbusch, Gerd Sklarz, Jens Stadtmann, Stefan Masberg, Heinz-Dieter Gierse, Eugen Schulz, Helmut Kreul usw bestens vertraut war und auch über ihre Spielstärke genau Bescheid wusste.

Immer wieder besuchte er die Blitzstadtmeisterschaften, weil bei den schnelleren Partien einfach mehr zu beobachten war, und auch zu den Bezirksmeisterschaften im Viererblitz fuhren wir oft zusammen hin. Erst im Revierpark Vonderort, später auch schon mal nach Oberhausen. Dabei hielt er sich - so war mein Vater nun mal - stets im Hintergrund und in zweiter Reihe auf, unbeobachtet von den anderen, aber meistens dabei. Als wir erfuhren, dass in Heiden eine Deutsche Blitzeinzelmeisterschaft ausgetragen wurde, reisten wir auch dort hin, um die Cracks zu beobachten und bei der Gelegenheit zeigte ich ihm den Schachladen Niggemann, von dem er sich sehr beeindruckt zeigte.

Anfang der 2000er lud unser Verein Großmeister Vlastimil Hort dreimal zum Simultanspiel im Hansazentrum ein und natürlich konnte sich mein Vater das nicht entgehen lassen und war jedes Mal unter den Kiebitzen. Bei so viel Schachleidenschaft habe ich zwar immer wieder mal versucht, ihn dazu zu bewegen, auch Teil des SV 21 zu werden, aber dafür - auch für eine aktive Beteiligung am Simultan gegen Hort - hielt er sich dann doch für zu schwach.

Später ist er dann leider schwer erkrankt und die Besuche der Schachveranstaltungen wurden sehr spärlich. Er erholte sich zwar kurzzeitig und war dabei, als wir im Jahr 2011 unser 90jähriges Jubiläum mit einem Simultan gegen GM Hort auf dem Höttenplatz feierten, aber das war dann auch das letzte Mal, bevor er knapp zwei Jahre später endgültig seinem Krebsleiden erlag. Mit ihm hat unser Verein einen großen heimlichen Fan verloren, den zwar einige Schächer des SV 21 kennengelernt haben, der aber von den meisten Mitgliedern unerkannt geblieben ist.

(Heinz Jäger)

Jürgen Meffle 25

18.03.2021

Früher war es noch möglich, heute auch noch?

Es war ca. Ende der 1960er Jahre. Unser Schachfreund Jürgen Meyer hatte uns aus beruflichen Gründen nach Bergkamen verlassen. Plötzlich musste er aber mit seinem Schachverein nach Bottrop zum Mannschaftsspiel reisen. Ich war im Spiellokal und beobachtete die Spiele. Jürgen kam auf mich zu und hatte eine sehr interessante Frage, ob ich und Manfred Kuzera nicht Lust hätten, im letzten Mannschaftsspiel der dritten Mannschaft seines Vereins für sie im Abstiegskampf  zu spielen. Wir würden an Brett 2 und Brett 4 spielen. Die Namen der gemeldeten Spieler übernehmen wir für diesen Tag. Er würde uns in Bottrop abholen und auch wieder zurückbringen. Manfred und ich schauten uns an und überlegten. Jemanden im Verein zu fragen war sicherlich nicht angebracht. Wir waren neugierig und sagten zu. Es hat aber nichts gebracht, wir holten 1:1 Punkte und der Mannschaftskampf ging verloren und der Abstieg war besiegelt.

 Vielleicht hat Caissa eingegriffen?

Jürgen Meffle

Ulrich Hüstegge 24

15.03.2021

Mein  „Schachleben“ bis jetzt!

Das Schachspiel habe ich von meinem Vater im Alter von 13 Jahren gelernt. Anfangs hatte ich keine Chance gegen meinen Vater, doch das änderte sich, nach ca. einem Jahr konnte er dann kein Spiel mehr gewinnen. Ihr könnt Euch vorstellen, dass mein Vater das Interesse am Schachspiel verlor. Leider ist mein Vater schon mit 49 Jahren an Krebs verstorben.

Ich bin danach anderen Hobbys nachgegangen. Es hat fast 8 Jahre gedauert, bis ich wieder zum Schachspiel fand. Im Revierpark Vonderort gab es mehrere große Schachfelder, die von Spielern unter anderen auch von Vereinsspielern der SG Fuhlenbrock benutzt wurden. Ich spielte dort einige Wochen, dann wurde ich angesprochen, ob ich mich nicht einem Verein (SG Fuhlenbrock) anschließen möchte.  Was ich nach einigen Trainingsabenden 1972 tat. Dort traf ich dann auf die Gebrüder Bockholt, durch Franz Bockholt bekam ich den letzten schachlichen schliff.

1982 war Ich in Essen und dort spielte Karpow gegen 20 Spieler aus Essener Schachvereinen simultan. Bei dieser Veranstaltung, die von der Essener Sparkasse gesponsert wurde, konnten auch 20 Zuschauer gegen Hans Joachim Hecht simultan spielen. Ich wurde als 20ter aus der Lostrommel gezogen. Nach ca. 35 oder 36 Zügen bot mir Herr Hecht Remis an. Ich dachte kurz nach und als er wieder bei mir war willigte ich, trotz besserer Stellung, ins Remis ein. Ich war sehr überrascht das ich der einzige Spieler war, der ein Remis erreicht hatte. Bei der Siegerehrung bekam ich einen großen Pokal, durfte mich ins Goldene Buch der Sparkasse Essen eintragen, natürlich auf der Seite wo auch Karpow unterschrieben hatte. ;))

Der abendliche Empfang fand im Hotel Bredeney  statt. Das 5 Gänge Menü hat mir sehr gemundet. Ich saß gegenüber von Karpow, jedoch konnte ich nur einige Worte russisch. Nach einigen Whisky und Vodka fuhr ich leicht angeheitert mit einem Taxi nach Hause. Es war ein aufregender Tag. Wann kann man dem amtierenden Weltmeister im Schach schon mal auf die Schulter klopfen?

Als in der Saison 1997/98 die VM von der SG Fuhlenbrock und dem SV Bottrop 1921 ausgetragen wurde, wurde ich überraschend Vereinsmeister. Nach der Saison 1998/99 erreichte ich meine höchste DWZ mit 1957 und bei der VM der SG Fuhlenbrock 53 holte ich mit 7,5 aus 8 Punkten den Vereinsmeistertitel. 

Hustegge

Die SG Fuhlenbrock wurde im Jahr 2005 aufgelöst. Es  sind einige Vereinsmitglieder zum SV Bottrop 21 gewechselt.

Schaun wir mal, wie es weitergeht?

64 Grüße Ulrich Hüstegge

Eugen Schulz 23

15.03.2021

Mannschaftskämpfe

Nach dem Krieg wurden in Bottrop mehrere Schachvereine gegründet, und zwar Schachfreunde Welheim 1948, Schachclub Batenbrock 1950 und Schachgemeinschaft Fuhlenbrock 1954. Das hatte zur Folge, dass es für unsere Mannschaften mehrere Lokalkämpfe gab. Überdies war der Bezirk Unter-Emscher, der aus den Städten Bottrop, Gladbeck und Dorsten gebildet wurde, noch recht übersichtlich, so dass es keine weiten Fahrten bei Auswärtskämpfen gab. Als einziges Verkehrsmittel wurde aber die Straßenbahn genutzt, mithin nahm selbst eine Fahrt über Horst bis Gladbeck-Butendorf Zeit in Anspruch.

Bei Kämpfen, die über die Bezirksgrenzen hinausgingen, konnte schon von Expeditionen gesprochen werden. So begleitete der Jugendwart Gerd Baron seine Schützlinge bis nach Bochum-Riemke. Von Glück konnten wir sprechen, als die Jugendmannschaft von Herne 19 nach Bottrop kommen musste.

Spannend war es auch zu sehen, ob alle pünktlich zum Treffpunkt kamen. Ersatz in letzter Minute war nicht zu organisieren, als Ersatzmann eine Mannschaft zu begleiten die absolute Ausnahme. So zitterten wir, wenn Franz Berkenbusch gemächlich am Pferdemarkt eintraf, in aller Ruhe die letzte Tür des zweiten Anhängers der abfahrbereiten Straßenbahn öffnete und einstieg. Ärgerlich war es auch, wenn ein Spieler nach einer Wartezeit von 30 Minuten enttäuscht vom Treffpunkt nach Hause ging, weil er nicht abgeholt wurde. So erging es auch Helmut Mischo. Allerdings war er eine Stunde zu früh am Treffpunkt, weil er die Umstellung auf Sommerzeit nicht in petto hatte. Ach, hätte es doch damals schon Handys gegeben!

Abenteuerlich war es auch, erstmals ein Spiellokal zu finden. So erging es auch einer unserer Mannschaften, die ausschließlich aus Jugendlichen bestand und recht erfolgreich war, ein Novum bei den Senioren. Zur Truppe gehörten Alfred „Fredy“ Mazurek am Spitzenbrett, Franz Berkenbusch, Gerd Sklarz, Willi Mertes, Karlheinz Grobelny, Hans „Hansi“ Dostal, Willi Würtz, Herbert Klotzek und Eugen Schulz. Als sie das Restaurant „Zur guten Rast“ in der Paul-Reusch-Straße in Oberhausen erreichten, ging es stark auf 14 Uhr und somit Beginn des Kampfes zu. Überrascht stellten wir fest, im Saal war noch nicht ein einziges Schachbrett zu sehen. Oberhausens Bürger tafelten im Restaurant sonntags in aller Ruhe. Zunächst warteten wir geduldig, wurden vertröstet, bis wir gegen 14:30 Uhr ankündigten, unter Protest zu spielen. Das rief den Vorsitzenden Kempkens auf den Plan,

den  großen Zampano, der beim OSV 87 alles im Griff hatte. Was wir Grünschnäbel uns wohl herausnähmen, von einem Protest zu sprechen. Es solle uns eine Freude sein, gegen  den OSV 87 anzutreten. Das war zu viel für drei unserer Spieler, die unter Protest die Heimreise antraten. Der Rest der Mannschaft nahm dann doch die Plätze ein, die endlich zur Verfügung standen. In Erinnerung habe ich, mein wenig erfahrender Gegner kannte tatsächlich nicht die Eröffnungsfalle in der Russischen Verteidigung. Nach wenigen Zügen musste er seine Dame gegen einen Springer abgeben (1.e4 – e5 2. Sf3 – Sf6 3. Sxe5 Sxe4

4. Dame e2 – Sf6 5. Sc6+). Er wehrte sich noch länger, aber natürlich vergeblich. Das war der Startschuss für eine Reihe von Siegen, die unsere sehr entschlossenen Spieler einfuhren und mit einem Sieg von 5:3 Punkten glücklich heimkehrten.

Eugen Schulz

Eugen Schulz 22

15.03.2021

  • Externe Wettkämpfe
  • Externe Wettkämpfe lassen Rückschlüsse auf die Vitalität eines Vereins zu.  Neben den Vereinskämpfen haben sich insbesondere Mannschaftskämpfe als beliebte Veranstaltung im Vereinsleben etabliert.
  • Schon seit Beginn meiner Mitgliedschaft im Schachverein 21 spürte ich den Stolz der Mitglieder auf die 1. Mannschaft, die in der höchsten Klasse des Schachbundes Nordrhein-Westfalen, der Bundesklasse, kämpfte. Am 1. Brett war mit Oskar Wielgos ein besonders begabter Spieler eingesetzt. Er setzte mich in Erstaunen, als er gegen sechs unserer Jugendlichen blind simultan spielte. Nach einer Anzahl von Zügen bemerkte er: „Ach, jetzt will er doch lang rochieren!“ Auch gegen einen Blindspieler ist das Hinauszögern der Rochade keine Finte. Eine kleine Pause reichte für eine Tasse Kaffee,
  • danach nannte Oskar zur Kontrolle ohne Ansicht der Bretter die Stellung der Steine aller Partien. Zum Ende hatte er alle Partien gewonnen. Wielgos war im Verein unbestritten die Nr. 1, war auch erfolgreich bei diversen Meisterschaften bis hin zur Verbands-meisterschaft. Probleme bereiteten ihm seine Neigung, sich zu tief in Stellungen zu verwickeln und dabei die Uhr zu ignorieren (Auch Doppelkopfspieler fürchteten sein langes Nachdenken).  Bolo Mazurek flüsterte mir im Vertrauen zu, Oskar könne an jeder Deutschen Meisterschaft mitspielen, sollten am Veranstaltungsort alle Bars geschlossen sein. Nicht nur deshalb war Frau Wielgos vom Hobby ihres Mannes nicht begeistert. Als mit zahlreichen Preisen als Komponist von Schachaufgaben geehrt, die in der Zeitschrift „Schwalbe“ veröffentlicht wurden, konnte es geschehen, Sonntags zu erwachen und ihr Mann hatte ein Taschenschach mit einer neuen Studie vor sich.
  • Eugen Schulz

Heinz Jäger 21

01.03.2021

Staunton, BHB und das verflixte Fähnchen

Ich war sechzehn, als ich über meinen Cousin Martin Jäger mehr zufällig erfuhr, dass es nicht nur einen Schachverein in Bottrop geben würde, sondern auch, dass er sogar selber schon seit einigen Jahren Mitglied in diesem war. Natürlich bohrte ich nach, denn diesen SV Bottrop 1921 wollte ich gerne einmal kennenlernen. Ich war gespannt darauf, wie so ein Spielabend aussah, wie gut Schächer spielen, die schon viele Jahre dabei sind, und vor allem, an welch wunderschönen Brettern sie ihrem Hobby nachgehen würden. Im heimischen Wohnzimmer hatten wir ein großes Holzbrett mit großen Holzfiguren, das schon seit Jahren für unsere heimischen Duelle rausgeholt wurde, doch hier, so war ich mir sicher, gäbe es prächtige Bretter mit tollen Figuren. Schließlich ging ich ja zum erfolgreichsten und ältesten Schachklub der Stadt. Auch das Spielen mit einer Schachuhr reizte mich außerordentlich, denn ich hatte zwar schon mal eine gesehen, aber noch keine Möglichkeit gehabt, sie auszuprobieren.

Ich weiß noch genau, wie mich jemand zum Schachschrank führte und mir das Material erklärte: Die halbwegs ordentlich zusammengerollten Schachplanen, die schmucklosen BHB-Uhren und die nummerierten Schachbeutel mit den Figuren. Schön war anders! Zum Beispiel zuhause der Spielsatz mit einem großen Holzbrett und Schachfiguren, die mir in dem Moment noch schöner vorkamen als sonst. Was sich allerdings hier vor mir auftat, ging mehr in Richtung Kulturschock. Na gut, Schachvereine haben - wie ich recht schnell erfahren habe - immer wenig Geld und müssen mit dem auskommen, was die Vereinskasse oder im besten Fall ein freundlicher Gönner hergibt, aber das Material für den gewöhnlichen Spielabend (für Mannschaftskämpfe hat es tatsächlich ordentliche Sätze gegeben) war frustrierend.

Holzbretter waren natürlich gar kein Thema und klappbare Plastikbretter in der deutlichen Minderheit. Vorherrschend waren zusammengerollte Kunststoffplanen, an denen eine Woche Lagerung im Schachschrank nicht spurlos vorbeigegangen war. Also hieß es erst einmal aus- und kräftig in Gegenrichtung wieder zusammenrollen. Notfalls auch mehrmals. Manchmal hatte man Glück und es klappte, in den meisten Fällen jedoch waren die erste und achte Reihe resistent und warfen die Figuren erst einmal wieder ab. Manche Planen entwickelten sich mit der Zeit auch zu regelrechten Buckelpisten, sodass man nach seinem Zug in ständiger Angst lebte, dass Bauern, Springer und der Rest der Mannschaft sich auf einmal auf den falschen Feldern wiederfinden könnten.

Überhaupt. Die Figuren! Wie mir jemand erklärte, handelte es sich hierbei um sogenannte Staunton-Figuren, ein Satz, der an Schmucklosigkeit wohl schwerlich zu überbieten war. Ich habe mich mal bei Google auf die Suche gemacht und so wie es aussieht, scheinen die einen oder anderen ‚Ur-Stauntons‘ tatsächlich noch in irgendwelchen Schachmuseen überlebt zu haben. Eigentlich sollten sie ja einheitlich pro Satz aussehen und das war auch der Fall, wenn man einen erwischt haben sollte, der unter allen Figuren die gleiche aufgeklebte Nummer zeigte. Was allerdings so gut wie niemals zutraf, da eine Sortierung vermutlich vor langer, langer Zeit zum letzten Mal stattgefunden hatte.

Aufbewahrt wurden sie in speckigen, rötlich-braunen Plastikbeuteln, die selbstverständlich ebenfalls nicht einheitlich waren und immer den Eindruck vermittelten, als würden sie, falls man sie zu lange in den Händen hielt, an diesen kleben bleiben.

Fehlte zum Glück des Blitzers nur noch die entsprechende Uhr. Das war in dem Fall die zu der Zeit weit verbreitete BHB-Uhr, die es in vielen Varianten gab. Mir schien als hätten die Verantwortlichen allergrößten Wert auf Vielfalt gelegt und wir von jeder ein abgenutztes Exemplar. Wobei die Betonung auf ‚abgenutzt‘ liegt. Wenn man früh genug am Spielabend erschien, war die Chance groß, direkt eine Uhr zu erwischen, die auf der Rückseite komplett war. Das bedeutet, sie hatte für beide(!) Seiten ein Rädchen/Stift zum Stellen und eines zum Aufziehen. Die später Kommenden durften dann schon mal mehrmals in den Schrank greifen, um Erfolg zu haben. Hatten sie Pech, musste halt den Abend über zum Einstellen der Uhr der Stift ständig gewechselt werden. Wer weiß, vielleicht war es gerade diese Umständlichkeit, die zu der damals üblichen Regelung ‚Der Verlierer stellt die Uhr‘ geführt hat.

Danach konnte es mit dem Blitzen losgehen. Nein, noch nicht ganz. Die Bedenkzeit auf der Uhr musste erst noch eingestellt werden. Es gab jedoch keine digitalen Uhren, auf denen die Zeit sekundengenau abzulesen war. So konnte der gewiefte Blitzer mit etwas Fingerspitzengefühl schon an dieser Stelle eine halbe Minute ‚gut machen‘, da die Zeiteinstellung nur nach dem Motto ‚Pi mal Daumen‘ erfolgte.

Dann endlich wurde gehackt, was das Zeug hielt und irgendwann tat sich ein ernstes Problem auf: Wie viel Zeit habe ich eigentlich noch zur Verfügung? Der Minutenzeiger näherte sich gnadenlos der zwölf und das Fallblättchen hob sich immer mehr und mehr.

Heute sieht man mit einem Blick aus den Augenwinkeln die exakte Restbedenkzeit und kann sein Spiel danach ausrichten. Früher war es dagegen ziemlich schwierig, aus der Position von Zeiger und Blättchen eine verlässliche Information zu bekommen. Waren es noch zwanzig Sekunden oder vielleicht nur noch fünf? Von der Seite und aus dem falschen Winkel heraus konnte man schnell auf mehr oder auch weniger Zeit schließen, sodass die Köpfe der Spieler nun immer häufiger ruckartig vor der Uhr auftauchten.

Ein Unterschätzen der Zeit seines Gegenübers konnte rasch zum Verlust führen, da man vielleicht alles was man noch an Material zur Verfügung hatte opferte, um den anderen über die Zeit zu heben, was dann allerdings nicht funktionierte, weil die blöde Klappe letztendlich doch nicht fiel. Das war dann auch die Phase, in der die Uhren am meisten aushalten mussten, da die Akteure mit immer kräftigerem Drücken auf die Uhr dem Fallen des Fähnchens ‚etwas‘ nachhelfen wollten. Andererseits durfte man auch nicht den Fehler machen, die eigene Restbedenkzeit zu überschätzen. In dem Fall ist es häufig genug vorgekommen, dass just in dem Moment, wo der Mattzug ausgeführt werden sollte, ein lautstarkes „Klappe“ von der anderen Seite des Brettes ertönte. Unzählige lange Gesichter sind auf diese Weise kreiert worden.

Vor gewissen Experten musste man sich gar in Acht nehmen. Das waren echte Künstler. Da die Uhren auf der Rück- und nicht auf der Unterseite zu stellen waren, also frei zugänglich, konnte es durchaus passieren, dass die eigene Bedenkzeit im Eifer des Gefechts innerhalb von wenigen - eigentlich recht flott ausgeführten Zügen - auf wundersame Weise deutlich geschrumpft war. Der Spruch „Wer hat da nur an meiner Uhr gedreht“ war gang und gäbe auf Blitzturnieren, wenngleich wohl nur in den wenigsten Fällen die (Schach-)Hand Gottes dahintergesteckt haben mag.

Aber bevor jetzt hier ein falscher Eindruck entstehen sollte. Es war eine tolle Zeit und hat - obwohl das Material mit unserem heutigen nicht mithalten konnte - wahnsinnig viel Spaß gemacht, genau mit DEN Figuren auf DEN alten abgenutzten Brettern bis zum Umfallen zu blitzen. Eine Partie nach der anderen wurde gespielt und Schluss machen vor Mitternacht - das ging schon mal gar nicht.

In späteren Jahren ging es dann allerdings doch, nämlich genau dann, wenn die Doppelkopfler irgendwann am Abend aufbrachen, um noch bis tief in die Nacht ihrer Leidenschaft zu frönen.

Aber das gehört in eine ganz andere Geschichte …

(Heinz Jäger)

Dieter Gierse Dr. 20

01.03.2021

 

Im September 1984 – ich war erst vor kurzem von den SF Katernberg zum SV 21 gewechselt –, begab sich im heißen September folgende Partie: Es war die erste Runde im Vereinspokal und mein Gegner Rainer Schefzik. Natürlich kannte ich Rainer aus der Mannschaft und hatte ihn dort als eher friedliebenden aber zähen Spieler erlebt. Ich hatte Weiss und machte mir keine Sorgen. (Da ich diese Partie und Episode auch als kleines Lehrstück für unsere aufstrebenden Jugendspieler anbieten möchte, hier die erste Regel: IMMER Sorgen machen!)

Ich spielte meine Eröffnung schnell herunter und Rainer ließ sich – wie erwartet - auch nichts Besonderes einfallen:

1.Sf3 Sf6 2.g3 g6 3.Lg2 Lg7 4.d3 d6 5.0-0 0-0 6.e4 e5 7.c4 c5 8.Sc3 Sc6 9.a3 h6 10.Tb1 a5 11.h3 Le6 12.Le3 Dd7 13.Kh2 Sd4

Jetzt Sd5 und wir haben eine schöne, symmetrische und ausgeglichene Stellung, die ich gegen Rainer aber vermeiden wollte...

Außerdem war es heiß, damals gab es noch samstags Schul-Unterricht und ich wollte schnell fertig werden (Hier Regel zwei: NIEMALS schnell fertigwerden wollen!) Also

14.Lxd4? sxd4 15. Sb5?? Sxe4!

Natürlich, und nun bekam ich meine "unsymmetrische Stellung"!

16. dxe4 Lxc4 17.a4 Lxf1 18.Lxf1 Tac8 19.b3 f5 20.Ld3 d5 21.exd5 e422.Lc4 exf3 23.Sxd4 Lxd4 24.Dxd4 Dd6 25.De3 f4 26.De6+ Dxe6 27.dxe6 fxg3+ 28.Kxg3 Kg7 29.Td1 Tcd8 30.Te1 Tfe8 31.Te3 Te7 32.Txf3+  Kg7 33.Te3 Kf6 34.Tf3+ Kg7 35.Te3 Tc6 36.Td3 b6=

Trotz des Klopses am Anfang ist nun eine ungefähre Remisstellung erreicht (Regel drei: Nach dem Patzer präzise WEITERSPIELEN, der Gegner macht im Vorgefühl seines Sieges  nicht mehr immer die besten Züge!)

37. Te3 Kf6  38.Tf3+ Kg7 39.Te3 Td6 40.Kg4 Td4+ 41.Kg3

Dieser Zug wurde nicht am Brett ausgeführt, sondern kam ins Kuvert, es gab nämlich noch „Hängepartien“!!

Also: „Eintüten" und schnell nach Hause... Mir war klar: Das ist Remis und  im Blitzen gewinne ich!

Eine Woche später, ich hatte mir die Stellung gar nicht mehr angeschaut:

41. ...Txc4?!

Oho, der will noch gewinnen! Ganz untypisch für Rainer!

42.bxc4 Kf6 43.Kf4 Txe6 (oder 43.-- g5+ 44.Kg4 Txe6?? ((44.—h5+ 45.Kxf5 Th7+ 46.Kg4 Th4+ 47.Kg3 Ke7 48.c5 bxc5 49. Te5 Txa4 50.Txc5 Ta1 51. Kf3 Kxe6 52.Txg5 a4 53.Ta5 a3 54.Ta4 Th1 55. Kg2 Ta1 56.Ta5=)) 45.Txe6 Kxe6 46.Kh5 Kf5 ((46.—Kd6 47.Kxh6 Kc5 48.Kxg5 Kxc4 49.h4 b5 50.axb5 +-)) 47.Kxh6+-)

44.Txe6 Kxe6 45. Ke4 ??

Ich wähnte mich schon im Remishafen, ich durfte den sK nur nicht nach c5 lassen. Opposition ist auch gut! Also schnell gezogen ohne groß zu denken oder gar zu rechnen! (Regel vier: Bauernendspiele sind IMMER gefährlich. Es hilft nur rechnen,rechnen,rechnen!)

(45. h4! ist der einzige Zug, der Remis hält.((Regel fünf: Es muss die berüchtigte „ZWEITE SCHWÄCHE“ verhindert werden. c5 ist die erste Schwäche und auf der h-Linie droht die zweite zu entstehen s.u.)) –Kf6 46.Ke4 g547.hxg5 Kxg5 48.Ke5 h5 49.f4+ Kg6 50.Ke6= Kg7 51.Ke7! Kg6 52.Ke6 =)

45. –Kd6??

„Vor Schreck“ hätte Rainer die Chance noch vertan, wenn ich noch mal in die Stellung eingestiegen wäre aber ich blieb stur:

46. Kd4??

„Naheliegende Züge“ sind oft gut und wichtig, aber nicht immer! (Regel sechs: Es lohnt sich immer, nach  AUSNAHMEN UND ÜBERRASCHUNGEN zu suchen!) Hier lautet die Ausnahme: Der schwarze König darf nach c5, wenn dann 46. h4! oder 46.f4 gespielt werden kann.

Diagramm010321

                                             46. ...  g5!!

Da ist ihm der Gewinnzug wieder eingefallen! Jetzt hilft nichts mehr für Weiß! Zugzwang ist nicht zu verhindern.

 47.Kd3

(47.f3 hilft auch nicht! Kc6 48.Ke3 Kc5 49.Kd3 Kb4 usw.)

47. –Kc5 48.Kc3 h5!

Und schon ist es passiert Zugzwang ist nicht zu vermeiden!

49. aufgegeben.

Der liebe Leser fragt sich nun, warum mir diese Partie so in Erinnerung geblieben ist, schließlich hat jeder Schachspieler solche Patzerpartien in seiner Sammlung! Man denke nur an Robert Hübners „55 feiste Fehler“! Nun, nach der Partie gegen Rainer hörte ich, daß ich nicht gegen Rainer allein verloren hatte: Endspielspezialist Willi Klümper hatte sich mit ihm die Hängestellung ein paar Stunden vorgenommen und den potentiellen Gewinnweg herausgefunden. Das war natürlich völlig legitim, zeigte aber auch den damaligen Zusammenhalt im Verein. Und ich wußte: Jetzt bin ich im Verein angekommen!  Willi soll später sogar geschimpft haben, dass Rainer nicht sofort 45. -- g5 gespielt hatte...

 

Peter Canibol 19

25.02.2021

Wie ich zum Schachspielen kam

Ich hatte ein Spielemagazin geschenkt bekommen und wollte nicht nur Mühle und Dame spielen, sondern auch Schach. Ich hatte keinen, der mir das Spiel erklären konnte, las die Spielanleitung und übte danach die Züge. Irgendwann einmal sprach ich mit Heiner Lanfermann, der wie ich auch in Ebel aufgewachsen ist, über mein Interesse an Schach und wir spielten einige Partien. Er erzählte mir vom Schachverein und lud mich in den Verein ein. Ich meinte: „Aber ich kann doch noch gar nicht richtig spielen.“ „Das macht nichts“, sagte er, „das Spielen lernst Du dann schon im Verein“. Am nächsten Freitag ging ich zum ersten Mal zum SV Bottrop 21 und lernte als Erste Jürgen Meffle und Eugen Schulz kennen. Ich wurde freundlich aufgenommen und aufgefordert, mitzuspielen. Ich wusste, wie man die Figuren zieht, aber von Strategien oder Eröffnungen hatte ich damals keine Ahnung. Als nächsten forderte ich denjenigen heraus, der mir als nächster im Verein begegnete – es war der damalige Vereins- und Stadtmeister Willy Klümper. Ich hatte natürlich keine Chance, er setzte mich in Kürze matt. Aber meine Trauer hielt sich in Grenzen. Wer Schach lernen will, der muss Niederlagen wegstecken können und hinterher analysieren, welche seiner Züge schlecht waren. Ich trat in den Schachverein ein und war erfreut, als ich tatsächlich auf Gegner traf, die gegen mich verloren.

 

Wie ich mein erstes Schachturnier spielte

Zwei Wochen später fragten Jürgen Meffle und Eugen Schulz mich, ob ich nicht für den Sv21 bei der Jugendbezirksmeisterschaft mitspielen wolle, die in Gelsenkirchen-Buer stattfinden würde. Ich war völlig verdutzt. Aber ich dachte mir, dass die schon wüssten was sie tun, wenn sie so einen Anfänger zur Meisterschaft melden. Beklommen fuhr ich am nächsten Samstag nach Buer und erfuhr, dass die Spielpaarungen noch ausgelost werden müssten. Gespannt wartete ich auf das Ergebnis der Ziehung und erfuhr, dass ich in der ersten Runde mit Weiß gegen den amtierenden Jugendbezirksmeister Herbert Weinrich antreten müsste. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ausgerechnet gegen den Jugendbezirksmeister, also den besten Jugendlichen des Bezirks. Also fing ich an zu grübeln, wie ich das Ganze angehe. Und da kam mir eine Idee. Ich arbeitete damals als Azubi bei der Panopa Verkehrs-GmbH in Essen, einer Firma aus dem Krupp-Konzern. Am nächsten Montag traf ich im Büro meinen Kollegen Helmut Lehnert, der damals Vorsitzender des Schachvereins Weiße Dame Frintrop war. Ich fragte ihn im Vertrauen, was er mir raten könne, damit ich die Partie nicht verlöre. Lehnert war so freundlich und erklärte mir im Vertrauen, dass es im Schach eine Eröffnung namens Stonewall gäbe. Wenn man die spiele, sei es so ähnlich wie im Fußball, wenn ein Verein mit Doppelstopper oder Catenaccio spiele. Nun weiß jeder Fußballfan, was Catenaccio ist. Das gefiel mir, zumal das ganze recht einfach zu lernen war. Weiß zieht d4, e3 und f4 und errichtet so ein Bollwerk, das der Gegner erst einmal erstürmen muss. Ich ging nach Hause und übte fleißig Stonewall. Mein Vater und meine Geschwister staunten, dass ich ständig gegen mich selber Schach spielte. Aber als ich am nächsten Samstag in Buer gegen Herbert Weinrich spielte, war der über die Eröffnung so verdutzt, dass ihm nichts Vernünftiges einfiel und er mir ein Remis anbot. Ich willigte sofort ein und kam beim nächsten Mal mit stolzgeschwellter Brust zum Verein. Und obendrein stand schließlich noch in der WAZ, dass ich erfolgreich mit einem Unentschieden gegen den Jugendbezirksmeister ins Turnier gestartet war. Als ich nach Hause kam, hörte ich von allen Nachbarn: „Hallo Petter, du stehst ja in der Zeitung.“ Und alle waren stolz darauf, dass aus Ebel mal jemand in der Zeitung stand. Jetzt packte mich der Ehrgeiz. Ich entlieh aus der Vereinsbibliothek das erste Schachbuch und lernte das Zweispringerspiel im Nachzuge sowie Italienisch, die ich eifrig beim Blitzen ausprobierte und manch schönen Sieg errang. In der nächsten Saison kam ich in die achte Mannschaft, danach in die siebte, sechste, … bis ich schließlich in die erste Mannschaft. Welchen Platz ich in meiner ersten Jugendbezirksmeisterschaft erreichte, weiß ich heute leider nicht mehr.

Und die Erfolge stellten sich schnell ein. Später schlug ich Willy Klümper in einer meiner schönsten Glanzpartien.

 

lothar Tochtrup 18

11.02.2021

 

Bobby Fischer gab im Anschluss an die Schacholympiade in Siegen im Jahr 1970 zwei Simultanveranstaltungen in Solingen und Münster. Der Kontakt zu meinem damaligen Verein Caissa Münster wurde auf Initiative unseres Organisators Norbert Rauch durch Vlastimil Hort hergestellt . Bobby Fischer spielte für ein Honorar von 250 Dollar !! an 20 Brettern , abwechselnd mit Weiß uns Schwarz . Ergebnis : 15 Siege , 1Remis 4 Niederlagen .

Fischer-Bottrop

Pressefoto von der Simultanvorstellung mit Bobby Fischer.

Unter den Zuschauern sind meine damalige Verlobte Marlene

und ( rechts stehend ) der spätere erste Millionengewinner bei „ Wer wird Millionär?“

Prof  Dr  Eckhard Freise.

Tochtrop, Lothar  -   Fischer, Bobby    ,   Simultan bei Caissa Münster  am  27.09. 1970

 

  • 1. e4     c5     2.  Sf3   d6   3.  d4  cxd4   4.  Sxd4  Sf6   5.  Sc3   a6
  •    6.    a4      g6     7.  h3   Lg7   8.  Le3  0-0   9.  Dd2  Sc6   10.  Le2   Ld7

       11.  Sb3   Tc8  12.  0-0   Sa5   13. Sxa5  Dxa5  14.  Ld3  Tfe8  15.  Se2  Dxd2

       16.  Lxd2  Lc6  17.  f3     d5     18.   e5     Sd7   19.     f4    f6     20.  exf6  Sxf6

       21.    f5     gxf5   22.  Sd4   e6  23.  Sxe6  Txe6  24.  Lxf5  Tce8  25.  Lxe6+  Txe6

       26.  Lc3    Se4    27.  Lxg7  Kxg7   28.  Tf4  h5   29.   b3     Sc3    30.  Tf5   Kg6

       31.  Taf1   Se2+  32.  Kh2   Sd4    33. Tf8  Sxc2  34.  Tg8+  Kh7  35.  Tff8   Te7

       36.   h4      d4      37.  Th8+  Kg6   38.  g4   Te2+  39.  Kh3  hxg4+  40.  Kxg4  Se3+

      41.   Kh3   Ld7+    42.  Kg3   Tg2+  43.  Kf4  Tf2+   44.  Ke4   Txf8    45.  Txf8   Sf5

      46.   h5+   Kg5      47.  Txf5+  (  Das war der entscheidende Fehler, denn es gelingt

     nicht, alle   schwarzen Bauern  zu beseitigen.  Nach  47. Ke5  zeigen die Analysen

     keinen Vorteil für Schwarz.  )   47.  …  Lxf5   48.  Kxd4  Kxh5  49.  Kc5  Le4  50.  b4  Kg6

      51.  b5   axb5   52.  Kxb5   ( Jetzt hatte ich mit  52.  …Lc6+  53.  Kb6 und Bauernabtausch

     gerechnet, aber ….)     52.  …Ld3+    ( Oh Schreck , der Läufer will nach a6 )

      53.  Kb6  La6  54.  Kc5  Kf5  55.  a5   Ke4   56.  Kb6   Kd4      0 : 1

      von Lothar Tochtrop

Jens Stadtmann 17

05.02.2021

             Kapitel 2: frühe  Begegnungen am Schachbrett :

 

Ich hatte noch die Ehre den Vereinsmitbegrüder Viktor Grzenia kennenzulernen .

Geboren 1899 , wirkte er als ich ihn kennenlernte schon recht gebrechlich , die

schwierigen Jahrzehnte mit 2 Weltkriegen , schwerer Arbeit , Hungersnöten ,

Wirtschafts- und politischen Krisen waren in sein hageres Gesicht geschrieben .

Aber er hatte sich ein verschmitztes Lächeln und seinen Humor bewahrt . 1972

konnte ich als 16-jähriger dem 73-jährigen Viktor ein Remis abknöpfen .

 

Unvergessen auch Oswald Nowak , der schnellste Turnierspieler den ich je kennen

gelernt habe . Auch in schwierigen Stellungen zog er immer a tempo , oft brauchte

er für eine 40-zügige Turnierpartie nur 5 Minuten ! Dies suggerierte bei den Gegnern

eine Spielstärke und sie tappten in die Falle und blitzten mit ! Dann war die Partie

nach 15 Minuten zu Ende und Oswald ging als Sieger vom Brett . Willi Klümper gab

den Tipp , bei einer Partie gegen Oswald sich auf die Hände zu setzen und genauer

aufs Brett zu schauen...dann hatte Oswald meistens das Nachsehen !

 

Das Pendant zu Oswald war Ludger Flunkert . Schon nach den ersten Zügen steckte

er die Finger in die Ohren und verschwand gedanklich in einer Welt , die für Aussen-

stehende nicht zugänglich war. Da konnte es schon mal passieren , daß er nach 10

Zügen in Zeitnot geriet ! Auf die Spitze konnte es auch Willi Klümper treiben :

Da konnte es beim Mannschaftskampf 3,5:3,5 stehen ,seine Fahne verdächtig hoch

stehend und noch ein paar Züge zu machen . Er hatte die Ruhe weg während ich

kurz vorm Kammerflimmern stand . Mit dem 40.Zug stand dann seine Fahne

1 Sekunde vor 12 !

 

Der letzte Romantiker am Schachbrett war Wenzel Schweiner : wenn er beim Blitzen

1. e4 zog musste man sich hüten mit 1....e5 zu antworten ,sonst kam man bei 2.f4 in

einem scharfen Königsgambit unter die Räder . Während des Spiels pfiff er dann noch

vor sich hin , man konnte glauben aus Fröhlichkeit ; aber es war wohl eher ein

Lungenemphysem , was ihn als alter Bergmann plagte !

 

Fortsetzung folgt......  von Jens Stadtmann

Dirk Küsgen 16

05.02.2021

 

Orgien der Gastfreundschaft

Wer die Artikel von Alfred und Eugen gelesen hat, der ahnt wie herzlich es bei und mit den Franzosen zugegangen ist und wie schade es ist, dass das eingeschlafen ist. Auch ich habe meine Erinnerungen, wie ich im Lande der Französischen Revolution noch 1974 empfangen wurde wie ein 12-jähriger König. Manches hatte für mich schon Züge, die mich beschämten.

Die Gastgeber meinten es gut mit Hans-Jürgen Winkelmann und mir und fuhren uns zu einem internationalen Jugendfußballturnier ins traditionsreiche Lille. Lieder spielt dort nur einen deutsche Jugendmannschaft: Schalke 04. Das war damals für mich die Höchststrafe. Meine Kurve stand nicht im Norden (Gelsenkirchen), im Osten (Bochum) oder Süden (Dortmund), sondern im Westen. Und dort wollte ich am nächsten Samstag wieder hin. Hoffentlich sah mich hier keiner! 

Das Mittagessen hatte mehr Gänge als mein noch etwas zu großes 28er-Herrenrad. Mama Busches liebevoll eingekaufte Käsebaguettes auf der Rückfahrt waren das schlichter und standesgemäßer.  Vielleicht war das alles aber nicht nur Gastfreundschaft, sondern heimtückisches Kalkül. Hans-Jürgen und ich mussten essen bis kurz vor der  Fress-Narkose und sollten anschließend auch noch Schach spielen.

Ich bekam die hübsche Natalie Bertrand zur Gegnerin. Nicht nur vom Essen her war ich  leicht im Verstand reduziert  und übersah ihr Grundlinien-Matt.  Aber bevor ich die Uhr anhielt, merkte ich, dass noch ein Läufer auf f8 dazwischen passte, der  für den geschlagenen Torwart in Luftnot auf der Linie klären konnte. Ich gewann also trotz erschwerter Bedingungen. Dafür ging der Wunsch ihres Vaters, der in Eugens Artikel zu lesen war, in Erfüllung. Tourcoing präsentierte sich als Mannschaft diesmal viel besser. Falls mich mein Gedächtnis nicht täuscht - das PATT-Archiv befindet sich im geschlossenen Vereinsheim in Corona-Quarantäne - blieb der Pokal erstmals  in Frankreich. Es fehlten wegen der weiten Anreise einige Spieler unserer oberen Mannschaften.

Alles wurde dadurch getoppt, dass Hans-Jürgen und ich in einem Ehebett schliefen, was für einen 12-jährigen etwas genierlich ist, während die Gastgeber(innen) auf anderen Möbelstücken in anderen Zimmern nächtigten.

Das Highlight der Rückfahrt war die Pause in Gent. Zum ersten Mal begriff ich, was eine öffentliche Toilette ist. Der Parkplatz des Busses war an der Kathedrale und die Männer erleichterten sich nur mit einem Sichtschutz in Höhe ihrer Gesäße. Unterschenkel und Hinterköpfe waren in Reih und Glied vom Markt aus zu sehen. Es ist schon interessant, was sich einem in welchem Alter ins Langzeitgedächtnis einprägt. Weitere Sehenswürdigkeiten der alt-ehrwürdigen Stadt wüsste ich trotz mehrstündiger Pause nicht mehr zu benennen.

Dirk Küsgen

Heinz Jäger  15

03.02.2021

Karpov und Co.

Es war an einem der ersten Spielabende des SV 21, die zu der Zeit - wir sprechen vom Frühjahr 1981 - in den Räumen der Sparkasse an der Schützenstraße stattfanden. Vielleicht war es sogar genau DER erste Abend, an dem ich mich traute, mit meinen bescheidenen Fähigkeiten den Schachverein 21 aufzusuchen. Erworben waren diese „Schachkünste“ in vielen Duellen auf dem Schulhof mit Lorenzo Croce, der mit mir zusammen dem SV 21 beitrat, und noch viel mehr Partien im heimischen Wohnzimmer mit meinem Vater und meinen beiden Brüdern.

Und nun saß ich hier und wusste überhaupt nicht, ob es reichen würde, um nicht ständig vermöbelt zu werden, oder ob vielleicht doch der eine oder andere Schächer dabei war, dem ich gefährlich werden könnte. Zu der Zeit gab es recht viele Jugendliche im Verein und sicher habe ich einen von ihnen als Spielpartner zugewiesen bekommen.

Irgendwann wurde es einige Tische weiter etwas lauter. Ich verstand nicht wirklich viel, aber die Namen Karpov und Kortschnoi hörte ich deutlich heraus. Das waren Spieler, von denen ich schon gehört und gelesen hatte, und ich wusste auch, dass Karpov der aktuelle Schachweltmeister war. Also spitzte ich die Ohren, um vielleicht noch etwas mehr aufschnappen zu können.

Und tatsächlich. “Den Zug hat Anatoly Karpov schon 1978 gegen Kortschnoi gespielt“, vernahm ich. Ich war schwer beeindruckt. Offensichtlich handelte es sich bei diesen Spielern - ich warf verstohlen einen Blick auf die beiden Schachspieler mittleren Alters - um die Elite des Vereins. Ganz bestimmt erste Mannschaft, da sie Partien aus früheren Jahren mit ihren Zugfolgen kannten.

Mittlerweile hatte sich auch eine kleine Gruppe um die beiden Könner geschart, was sie noch mehr beflügelte und zu weiteren Kommentaren antrieb. Sie schienen sich wirklich auszukennen und legten eine solche Gewichtigkeit in ihre Züge, dass es mich unweigerlich in seinen Bann zog. Was war ich doch noch meilenweit davon entfernt, mit echten Schachspielern mitzuhalten! Würde ich es später auch einmal so weit bringen, dass ich Partien aus dem Kopf nachspielen oder anhand von Stellungen sagen könnte, wann sie bei welchem Turnier gespielt worden waren? Oder bleiben solche Fähigkeiten nur den absoluten Topleuten vorbehalten, von denen wir offensichtlich einige im Verein hatten?

Meinem Selbstbewusstsein tat es nicht wirklich gut, zumal ich an dem Abend auch standesgemäß reichlich verhauen wurde und sich meine Erfolge in Grenzen hielten.

Gottseidank wurde ich aber in den folgenden Wochen von einem Schachfreund aufgeklärt. Von ihm erfuhr ich, dass nicht alles so heiß gegessen wie gekocht wird und es sich bei den besagten “Experten“ um Georg „Schorsch“ Badey und Bernhard Freyhoff gehandelt hatte. Beides Spieler der schon damals legendären Sechsten und mit eher durchschnittlichem Talent ausgestattet. Beide aber auch mit viel Spaß am Schach gesegnet und wenn jemand von ihnen mal etwas „auf die Kacke hauen“ oder etwas lauter werden würde, solle ich das Ganze nicht so eng sehen.

Mit Schorsch habe ich mich später noch des Öfteren duelliert, aber eine Partie vom Niveau Karpov gegen Kortschnoi war meines Wissens nicht dabei. Leider.

(Heinz Jäger)

Helmut Kreul 14

28.01.2021

Anno 1957:  Der „Westfälische Hof“ oder mein erster Kontakt mit dem SV Bottrop 21

 

Wie kommt man in seiner Jugend eigentlich zum Schach? Die einen erlernen es vom Großvater oder Vater, die anderen durch Kurse in der Schule oder von Bekannten und Freunden. Letzteres galt für mich; denn mein Schulkamerad und Banknachbar war Bernd Hessbrügge  - die älteren Vereinsmitglieder werden den Namen noch kennen, die jüngeren wahrscheinlich nicht. Bernd ist vor über vierzig Jahren aus dem Leben gegangen. Nicht nur für mich ein großer persönlicher Verlust, sondern auch für unseren Verein überaus schmerzlich, da Bernd als starker Spieler einen Stammplatz in der 1. Mannschaft hatte.

Es war das Jahr 1957. Wir waren Schüler der Oberstufe des Jungengymnasiums Bottrop, und Bernd  sprach  in den Schulpausen immer wieder davon, wie sehr ihn das Schachspiel fasziniere.  Schließlich ließ ich mich überreden, es auch einmal zu versuchen.  

Ich war verblüfft, wie relativ einfach die Spielregeln zu erlernen waren, aber wie überaus schwierig es war, eine Schachpartie erfolgreich zu spielen. Das begriff ich schnell, weil ich in den ersten Partien gegen Bernd nicht die geringsten Chancen hatte, mich behaupten zu können.

Jetzt war ich herausgefordert, etwas gegen diese Unterlegenheit zu tun. Ich kaufte mir ein Schachbrett und das Buch von Alexander Aljechin: „Meine besten Partien“, die ich mit großem Interesse nachspielte und die mein Schachverständnis langsam verbesserten, so dass ich für Bernd ein würdigerer Gegner wurde. Aber insgesamt waren unsere Schachaktivitäten noch sehr dilettantisch und sporadisch.

So hätte es auch noch lange bleiben können, wenn nicht ein besonderes Ereignis unser künftiges Schachleben beeinflusst hätte.

Eines Morgens in der Schule fragte Bernd mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm am kommenden Sonntag ein richtiges Schachmatch  zu besuchen. Er hatte die Information, dass es in unserer Stadt einen erfolgreichen Schachverein gebe, den SV Bottrop 21, der in seinem Spiellokal „Hotel Westfälischer Hof“ einen Kampf gegen einen starken Verein aus Mülheim zu bestreiten hatte.

Als wie  nachmittags  den altehrwürdigen, schon reichlich in die Jahre gekommenen Gasthof betraten, war der Eindruck für uns gleich überwältigend. Im Spielsaal waren Tische  in einer Reihe zusammengestellt, und es saßen sich auf jeder Seite acht Spieler gegenüber, die in großer Konzentration über ihre jeweilige Partiestellung nachdachten, jedenfalls dann, wenn  sie am Zuge waren. Voller Ehrfurcht betrachteten wir die Bottroper Champions, soweit man sie im Zigarettendunst erkennen konnte. Die Stimmung war keineswegs verbissen oder allzu ernst, wie die vielen Biergläser auf den Tischen bezeugten. Tabak und Alkohol waren nicht wie heutzutage verpönt, sondern dienten vielmehr der Inspiration und dem Kombinationsvermögen.

Aber wer waren die Gladiatoren auf Bottroper Seite? Da es nicht viele Zuschauer gab, kam einer der Spieler auf uns zu und erkundigte sich nach unseren Motiven. Man konnte uns wohl ansehen, dass wir von dem ganzen Geschehen wenig Ahnung hatten.

Es war der damals noch junge Gerd Sklarz, der uns über alles informierte, was wir wissen wollten und sollten. Dass am ersten Brett der Champ Oskar Wielgos saß, der bis zu seinem Wegzug einige Jahre später die Bottroper Schachszene bestimmte. An den nächsten Brettern folgten die „jungen Wilden“ Willi Klümper , Gerd Sklarz, Franz Berkenbusch, die sich früh gegen die älteren Etablierten durchgesetzt hatten.

Ich weiß nicht mehr, mit welchem Ergebnis das Match endete. Aber dieser erste Besuch eines Schachkampfes muss uns siebzehnjährige Schüler so beeindruckt haben, dass wir spontan beschlossen, dem Verein beizutreten und an den Spielabenden teilzunehmen, die im Westfälischen Hof stattfanden – apropos Westfälischer Hof, der 1972 , vermutlich wegen zu großer Bergschäden, abgerissen werden musste. Der Gasthof war, obwohl an manchen Stellen  renovierungsbedürftig,  für uns das ideale Spiellokal, und ein gleichwertiger Ersatz konnte nicht wieder gefunden werden. Das lag nicht nur an dem besonderen Drum und Dran der Räumlichkeiten, sondern auch am  Wirt Erwin Ingendorn, der dem Schachverein gegenüber sehr verständnisvoll war und auch zum Ehrenmitglied ernannt wurde..

Rückblickend kann ich nach mehr als sechzig Jahren  sagen, dass es zwei Gründe waren, die mich bewogen haben, Vereinsschachspieler zu werden: die freundliche Ansprache von Gerd Sklarz und die besondere Atmosphäre des Spiellokals.

 

Eugen Schulz 13

21.01.2021

Tourcoing

Im Rahmen der Bottroper Städtepartnerschaften fanden auch binationale Treffen zwischen den Vereinen der Städte statt. Zu Anfang wurden diese Treffen von der Stadt finanziell unterstützt. So pflegte unser Verein einen Kontakt zu dem Schachverein in Tourcoing.

Einer Einladung folgend waren die Franzosen 1971 bei uns zu Gast. Die Organisation hatten die Schachfreunde Busche, Daun und Heise übernommen. Letzterer hat auch einen launigen Bericht verfasst, teilweise in Versform. Vermutlich wurde er bei einer Vereinsfeier vorgelesen. Das Manuskript wurde mir von Alfred Heises Witwe zur Veröffentlichung übergeben.

Überraschend viele Vereinsmitglieder hatten sich bereit erklärt, Gäste für Übernachtung und Frühstück aufzunehmen. Meine Frau hatte unsere Kinder bei den Großeltern in Pflege gegeben. So konnten wir zwei ältere Herren bei uns unterbringen, und zwar einen russischen Frankreichimmigranten und einen Ratsherrn.

Am Abend setzten wir uns gemütlich zusammen. Zum Glück konnten wir uns auf Deutsch unterhalten. Die Gäste überreichten uns eine Flasche Sekt, wahrscheinlich Champagner. Von diesem verrückt gewordenen Kribbbelwasser hatte ich noch nie etwas gehalten. Als ich die Flasche wegbringen wollte um sie zu kühlen, machten die Gäste deutlich, ich möchte sie sofort öffnen. In der Manier eines Dilettanten drehte ich am Draht zum Korken. Mit lautem Knall suchte dieser den Weg zur Zimmerdecke. Das war kein Wunder, hatte die Flasche doch ungekühlt eine weite Reise zum Teil über belgisches Kopfsteinpflaster hinter sich. Bevor wir die bereitgestellten Gläser füllen konnten hatte sich ein Teil des Flascheninhaltes in Tropfenform im Raum verteilt, leider auch auf beide Franzosen. Diese hatten sich völlig in Gewalt und ließen sich keine Gefühle anmerken. Wir konnten tatsächlich noch ein angenehmes gemeinsames Gespräch führen. Unsere Zimmerdecke zeigte aber noch Jahre später Spuren einer missglückten Flaschenöffnung.  

Einen besseren Erfolg konnte ich mir attestieren, als ich den Bus mit französischen Gästen vom Katholischen Stadthaus zum Gelände der Zeche Rheinbaben pilotierte. Auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Rheinbaben hatte der Stadtsportbund in einigen Gebäuden Hausrecht und stellte sie uns zur Verfügung. Im Verein hatte sich niemand zu Dolmetscherdiensten bereiterklärt, nicht einmal Studienräte mit Fremdsprachenunterricht. So versuchte ich es mit fünf oder sechs französischen Vokabeln, die irgendwo im Gehirn steckengeblieben waren und revitalisiert wurden. Ich suchte mir die vermeintlich ungefährliche Strecke über die Scharnhölzstraße zur Rheinbabenstraße. Der Gemütsmensch von Fahrer erreichte das Ziel problemlos. Ihm habe ich gratuliert.

Alfred Heises Bericht ist anschließend an meine Arbeit zu lesen.

Eugen Schulz    

Eugen Schulz 12

Alfred Heise

21.01.2021

Anlässlich des 50jährigen Bestehens hatte der Schachverein 21 viele Veranstaltungen vorgesehen. Mit dem Besuch unserer französischen Gäste begannen beim Verein die Jubiläumsfeste. Beim Empfang in Rheinbaben gab es Kaffee und Kuchen. Danach waren wir eingeladen, das Rathaus zu besuchen. Diese nette Geste der Stadt - man sieht, dass sie viel für Völkerverständigung übrig hat – wurde von den Franzosen sehr freudig aufgenommen, denn bei ihnen heißt es: „Du kennst erst die Stadt, wenn du in‘s Rathaus gekommen bist.   In’s Stammlokal ging es dann von hier, denn es sollte ein Blitzturnier stattfinden.   Die Deutschen hatten beschlossen, viel zu wagen,   nämlich die Vereinsmeisterschaft zusammen mit den Gästen auszutragen.  Favoriten waren der Franzose Wabant und der 21er Willi Klümper. Und eines wissen wir nun alle: Sie sind beide keine Stümper.   Zum Schluss hatte aber Klümper einen Punkt mehr, dass freute den SV 21 natürlich sehr.           Um Mitternacht war der Wettkampf aus, und wir brachten unsere Gäste nach Haus.  

 Die jungen Franzosen bezogen in Rheinbaben Quartier,   dort gab es noch eine große Fete mit Schnaps und Bier. Am nächsten Morgen wurden sie von drei netten Mädchen geweckt,  der Frühstückstisch war auch schon für sie gedeckt. Als nächstes sah man uns gemeinsam am Museum stehen,  denn ein Besuch desselben war auf dem Tagesplan vorgesehen. Ein anschließender Spaziergang durch den Park war für die Franzosen ein Genuss,  sie hatten dazu noch Zeit, denn erst um 12 Uhr war Treffpunkt am Bus. 

 Zum Mittagessen gab es leider keinen Stuten,  und ohne diesen auszukommen kann man keinem Franzosen zumuten. Aber dies war eigentlich das Einzige, was ihnen nicht gefiel. Um 14 Uhr begann dann endlich das große Entscheidungsspiel.  Während die Männer beim Schachspiel saßen,  bummelten die Damen durch Oberhausens Straßen. Eine Sunde lang konnten sie im Schloßpark spazieren gehen,  die Grünanlagen fanden die Gäste besonders schön. Dieser Ausflug war für sie tatsächlich ein Erlebnis.  Indessen warteten die Männer gespannt auf ein Ergebnis Bei diesem Wettkampf erlitten die Franzosen mit 12:5 eine schwere Niederlage. Wie konnte dies geschehen? So stellten sie sich immer wieder diese Frage.  Auch bei den Junioren ging es hoch her. Das Ergebnis lautete 5,5:o,5, was wollten sie mehr?  Zum Trost: Die Franzosen spielen in einem relativ jungen Verein,  deshalb ist auch die Spielerfahrung noch sehr klein.   Bottrop zu besiegen ist ihr großes Ziel.  Und wer weiß, vielleicht erfüllt sich dieser Wunsch im nächsten Spiel. 

Im großen Saal im Westfälischen Hof  gab es dann ein gemütliches Beisammensein mit viel Musik und Schwof. Der glänzende Ball endete leider schon um Mitternacht, denn am Morgen war Treffpunkt schon um acht.  Monsieur Bertrand sprach ein paar Dankesworte als er im Busse Platz genommen.   Er sagte, sie alle seien gern gekommen.  Und dieser Besuch hätte viel Spaß gemacht, obwohl sie eigentlich ein besseres Schachergebnis gewollt hätten. Mit einem besonders großen Lob endete er. Er wüsste, die Vorbereitungen für so eine Veranstaltung seien sehr schwer. Hier sei die Organisation voll gelungen. Als Dank dafür haben alle Franzosen ein schönes Lied gesungen.

Dirk Küsgen 11

06.01.2021

"The torture never stops"

1983 gab es noch kein Increment. Bobby Fischer, der seiner Zeit weit voraus war, hatte es allerdings für Weltmeisterschaften vorgeschlagen, doch auf Amateurebene hatte man nicht einmal elektronische Uhren. Da die Computer noch nicht perfekt waren, konnten noch Partien "gehängt" werden. Man konnte sie nach der Zeitkontrolle, die damals noch nach mindestens 50 Zügen und fünf Stunden Spielzeit war unterbrechen und später zu Ende spielen. Nicht so in den letzten Runden. Um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, wurde da bis zum bitteren Ende zu Ende gespielt. Bedenkzeit war reichlich vorhanden, denn alle 20 Züge bekam jeder Spieler einen neue Stunde dazu. Nach 50 Zügen, nach 70 Zügen, nach 90 Zügen, sooft man das brauchte. Da konnten die Sonntagnachmittagspiele schon einmal bis in die Nacht dauern. Als ich in diese Falle geriet, studierte ich noch in Heidelberg. Ich hatte also nach dem Kampf noch eine weite Heimreise anzutreten, denn am Montagmorgen ging der Uni-Betrieb weiter. Verschärfend kam hinzu, dass ich mit zwei anderen eine Fahrgemeinschaft gebildet hatte. Im letzten Spiel der Dritten in der Schluss-Runde der Emscherliga genügte uns in Horst ein 4:4 zum Klassenerhalt. Dummerweise konnten die Gegner aber theoretisch noch aufsteigen und kämpften ebenfalls bis zum umfallen. Nach fünf Stunden stand es 2,5:3,5 gegen uns. Rainer aus dem Spring und ich blieben übrig. Ich stand zwischen Gewinn und Remis, Rainer zwischen Remis und Verlust. Die Chancen waren in beiden Spielen etwa 50:50, sodass wir noch eine 25%-Chance auf den Klassenerhalt hatten. Meine Partie dauerte über 90 Züge und 8 1/2 Stunden. Mehrfach musste ich zwischendurch anrufen, um meine Mitfahrerinnen zu vertrösten. Als ich dann um halb elf endlich gewonnen und für uns ausgeglichen hatte, brach Rainers Stellung zusammen. Alle Mühe war vergeblich gewesen! Ich war so hundemüde, dass ich auf dem ersten Autobahnparkplatz meine Mitfahrerinnen fragen musste, ob sie einen Führerschein hätten. So fuhren sie mein Auto und mich bis nachts um halb vier nach Heidelberg zurück. Ihr Verhältnis zum Schach dürfte lebenslänglich gestört geblieben sein. Ich habe jedenfalls nie wieder etwas von ihnen gehört. Man kann im Leben eben nicht alles haben! Schade war es schon, denn sie müssen sehr nett gewesen sein. Den damals üblichen Zicken-Kommentar "Männer!" ersparten sie mir nämlich und ließen mich schlafen.

Dirk Küsgen

Dirk Küsgen 10

06.01.2021

Im  Fanbus fast bis in die Zweite Bundesliga!

Vermutlich 1980 spielte die Erste, bereits ohne Manfred Droste, in der NRW-Liga so gut, dass bei einem Auswärtssieg im ostwestfälischen Enger-Spenge sogar der Aufstieg in die Zweite Liga möglich war. Außer dem nicht mehr aktiv spielenden Droste fehlte auch Armin Kamp aus mir nicht mehr bekannten Gründen (eventuell Wochenendübung der Bundeswehr?).

Wohl einmalig in der Geschichte des Vereins fuhr ein Fanbus am Sonntagmorgen vom Gleiwitzer Platz ab. Es ertönten Schlachtrufe und Gesänge auf der Autobahn und im Dorf, bevor wir das Spiellokal stürmten. "Enger, wir kommen!", "So wie Eisen und Granit, so wie einst Real Madrid, und so zogen wir in die Bundesliga ein." "Wir brauchen keinen Droste, wir brauchen keinen Kamp, wir haben unsern NN, Gott sei Dank!" Solch eine Invasion hatte das Dorf sonst nur beim Handball erleben können. Der Tus Spenge spielte lange in der zweiten Bundesliga. Unser Gegner im Schach war für die wackeren 21er mehr als eine Nummer zu groß. Das Spiel endete mit einem 6,5:1,5-Kantersieg für Enger.

Auf der Rückfahrt ertönte nur noch einmal "Enger, wir kommen!" Der Busfahrer hatte sich verfahren und musste kurzzeitig drehen. Im anderen Schlachtruf wurden die klangvolleren Namen "Droste" und "Kamp"  durch schwächere Spieler  unterer Mannschaften ersetzt: "Wir brauchen keine Hammer*, wir brauchen keinen Meißel*, wir haben unsern NN*, auch du Sch ... e !" Die mit Sternchen versehenen  Namen sind redaktionell so geändert, dass man nur noch die Pointe erahnen kann. Nicht alle abgekämpften Helden fanden das witzig. Die Fans entschuldigten sich artig bei den Spielern und man vertrug sich wieder. Allein der Busfahrer bemerkte am Ende der Fahrt, er habe sich Schachspieler immer ganz anders vorgestellt - seriöser vermutlich.

Eugen Schulz 9

05.01.2021

 

  • Histörchen
  • Es gab eine Zeit, da stellten Gastwirte auch Schachvereinen ihre Gesellschaftszimmer zur Verfügung. Diese Räume hatten unterschiedliche Dimensionen, manchmal waren es Säle. Miete zahlten die Vereine nicht. Ihre Finanzen ließen das nicht zu. Im Jahre 1948 zahlte ich einen Monatsbeitrag von 50 Deutsche Pfennig, heute also ca. 25 Cent. Der Kassierer kassierte während der Spielstunden Beiträge und führte natürlich Buch. Erhöhungen der Mitgliedsbeiträge durchzusetzen waren auf der Jahreshauptversammlung eine heikle Angelegenheit. Das änderte sich erst mit zunehmendem Wohlstand der Mitglieder.
  • Eine Distanz der Wirte ist so gesehen verständlich. Sie erwarteten zumindest durch den Verdienst beim Ausschank Deckung der Kosten für Licht und Heizung.  Die Spieler saßen bei Turnieren fünf Stunden für die ersten 50 Züge und möglicherweise für weitere zwei Stunden am Brett, bis letztendlich ein vorläufiges Ende durch Ansetzen einer Hängepartie erfolgte. Die wenigsten Spieler tranken alkoholische Getränke wäh rend der Partie, und so blieb ein minimaler Umsatz mit Wasser. Seit der zunehmenden Motorisierung und Mobilität kamen auch die Schachspieler mit dem Auto zum Spiellokal, die das Alkoholverbot beachteten. Bei einem Besuch in der Gaststätte Blöhmer, Vereinslokal des Schachklubs Batenbrock, der auch sonntags morgens Spielstunden anbot, hörte ich zufällig wie der Wirt auf die Frage eines Gastes nach dem Umsatz antwortete: „Da gehe ich hinein und stelle jedem eine Cola hin, damit ist meine Arbeit beendet.“  Blöhmer war Eigentümer der Gaststätte. Die Beherbergung eines Schachvereins hatte wohl mehr mit Idealismus zu tun.                                                                                               
  • Etwas anders waren die Verhältnisse in unserem Spiellokal „Westfälischer Hof“. Da es sich hier um ein Hotel handelte, wurden außer Getränken auch Speisen angeboten und nachgefragt. Nach einer Partie schmeckte zum Bier auch ein Hamburger Bratenschnittchen. Der Saal bot auch die Möglichkeit, größere Veranstaltungen durchzuführen. So wurden bei der NRW-Meisterschaft die Spielerinnen und Spieler beköstigt und zum Teil beherbergt. Bereits am 16. November 1957 lud unser Verein die Mitglieder und deren Frauen aller Bottroper Schachvereine zu einem Fest. Später wurden auch zu Karneval und beim Besuch der Gäste aus Tourcoing Feiern veranstaltet. Davon profitierte der Wirt. So war es kein Wunder, als sich der Wirt Erich Ingendoh als Freund des Vereins zeigte und bei einem Kampf unserer 1. Mannschaft in Dortmund auftauchte und für die Spieler Kaffee bestellte.
  • Parallel zu unserer Vereins-Chronik gibt es eine Auflistung aller Spielstätten, die unser Verein bisher nutzte. Gerd Sklarz hat deren Besonderheiten beschrieben und das mit literarischem Rang, also lesenswert. Der vorliegende Beitrag kann als Ergänzung dazu gesehen werden.
  • Eugen Schulz

Dirk Küsgen 8

05.01.2021

Zeitnot - Analoger "Sudden Death" statt digitalen Increments

Auch die digitalen Uhren verändern in den letzten Jahren den Schachsport erheblich. Durch das Increment gibt es in jedem Fall noch pro Zug 30 Sekunden Nachschlag und man kann heutzutage das Match "in aller Ruhe"  im Stile einer Schnellpartie zu Ende bringen. Dafür blieb einem früher bei weniger als fünf Minuten Bedenkzeit das Aufschreiben erspart. Striche auf dem Papier genügten, um die Züge bis zur Zeitkontrolle zu zählen. Das Mitschreiben erledigten ganz früher die Mannschaftskameraden, später die Gegner. Duchr dasincrement hat  die Dramatik des Sudden Death, bei dem plötzlich das Plättchen der Uhr fallen konnte, und man auf Zeit verloren hatte, hat stark abgenommen. An zwei besondere Zeitnotdramen kann ich mich als Zuschauer erinnern.

Georg Badeys Gegner hatte nur noch etwa  eine halbe Minute für sechs Züge auf der Uhr. Da opferte der Schorsch unmotiviert seine Dame oder er ließ sie stehen, was keiner so genau wusste. Doch das versetzte den Gegner kurzzeitig in Schockstarre. Er überlegte cirka zwanzig Sekunden, ehe er das Geschenk einfach annahm. Schorschs Stellung war danach hoffnungslos. Die Rest-Zeit des Gegners aber ebenfalls!  Sollte der Schorsch noch drei bis vier Züge durchhalten, so fiele das Plättchen des Gegners. Das war Dramatik pur! Schorsch hatte die alte Tarrasch-Regel, dass man beim Opfer Material in Zeit umtauscht, zu wörtlich genommen. Statt in spielentscheidende Tempi hatte er seine Dame in circa zwanzig Sekunden Echt-Zeit investiert. Die Kompensation erwies sich aber als gerade noch ausreichend. Er gewann durch Bluff! Ob dies mit oder ohne Absicht geschah, wusste schon damals keiner so genau - auch er selbst nicht.

Gladbeck hatte eine Zeit lang im Hinterzimmer einer Kneipe gespielt, die im Sinne des Pavlovschen Hundes auf meiner Zunge noch nach 40 Jahren durch gefürchtetes Stern-Pils negativ konditioniert ist.  Als Norbert Wallhorn dort in höchster Zeitnot war, konnte man eine Stecknadel fallen hören, bevor aus dem Fernseher im benachbarten Gastraum wiederholt die Weise "Schmusewolle, das macht Perwoll aus Wolle" durchdrang. Beide Mannschaften verloren die Beherrschung, weil sie von schmerzhaften Lachkrämpfen geplagt wurden. Die Konzentration war dahin. Das Ergebnis der Partie habe ich vergessen. Einen Protest gab es nicht.

 

Jens Stadtmann 7

31.12.2020

                           SCHACHERINNERUNGEN : KAPITEL 1: 1971-1972

 

Ende der 60er Jahre brachte mir mein Vater die Schachregeln bei ; da er ein besserer Kartenspieler als Schachspieler war konnte ich bald mal gewinnen . Mein Interesse war geweckt : da meine Eltern die "WELT AM SONNTAG" abonniert hatten , konnte ich einmal pro Woche die von LUDEK PACHMANN kommentierten Großmeisterpartien nachspielen !

 Im April 1971 war es soweit , ich meldete mich- zur ersten und letzten?- Schülerstadtmeisterschaft an. So lernte ich noch den legendären WESTFÄLISCHEN HOF kennen , ich hoffe Eugen Schulz und Helmut Kreul werden uns noch ausführlicher über IHN berichten . In der letzten Partie der Schülermeisterschaft spielte ich mit Weiß gegen einen gewissen Manfred Droste ; als ich irgendwann den Bauern f2-f4 zog und Manni mir ihn mit dem schwarzen Bauern e4 schlug , war ich sehr überrascht,denn die "en-passant-Regel" war mir offensichtlich noch nicht bekannt ! Ein Jahr später spielte ich ineiner Partie die lange Rochade (0-0-0), obwohl die gegnerische Dame die d-Linie kontrollierte . Aber mein Gegner hat auch nichts bemerkt !

 Überhaupt war 1971 viel los im WESTFÄLISCHEN HOF : Das 50-jährige Jubiläum , die NRW-Einzelmeisterschaft (Willi Klümper vertrat unsere Farben) und das Simultanturnier mit Robert Hübner , damals der stärkste deutsche Schachspieler. Ich weiß nicht mehr wie ich zu der Ehre kam , aber ich durfte gleich mitspielen, obwohl ich erst kurz im Verein war. Also ein Sprung ins kalte Wasser , und natürlich war die Partie rasch verloren.Leider wurde der WESTFÄLISCHE HOF abgerissen und wir zogen 1972 für circa 8 Monate nach KRUSE-VIETH; damals gab es ja noch an jeder Strassenecke eine Wirtschaft. Turnierpartien gingen damals oft noch bis 23.00 , und danach wurde noch Doppelkopf gespielt ! Doppelkopf hatte ich schon als 8-jähriger von meiner Oma gelernt , insofern traute ich michals 16-jähriger mit den "alten Hasen" Willi Klümper, Gerd Sklarz, Horst Lüker ,Helmut Kreul etc. zu spielen .Zu Hause gab es dann schon mal (etwas) Krach , weil ich unabgemeldet erst um 2.00 nachts nach Hause kam !

 Überhaupt 1972 : Der legendäre Wettkampf des Jahrhunderts : BORIS SPASSKI-ROBERT FISCHER ! OST GEGEN WEST während des kalten Krieges ! Auch in unserem Verein fieberten alle der neuesten Partie entgegen.  Es war noch tiefstes Analogzeitalter und wir mussten warten , bis die Partien am nächsten Tag auf der Sportseite der WAZ bzw. der RUHR-NACHRICHTEN zu finden waren. Noch vor der Schule baute ich das Brett auf und spielte die neueste Partie nach ; überhaupt liessen meine schulischen Leistungen nach . Was sind schon langweilige Hausaufgaben gegen das (Nach-)Spielenvon spannenden Schachpartien !?

 Fortsetzungen folgen ...................  LG Jens Stadtmann

Jürgen Meffle 6

27.12.2020

Es war Winter 1969 und wir mußten in Hervest Dorsten, Hotel Erwig, gegen Hervest Dorsten III antreten. Bei der Abfahrt in Bottrop fiel schon leichter Schnee und wir hatten dadurch auch nur 5 Spieler dabei, Oswald Nowak, Hans Eugelink, Wenzel Schweiner, Johann Niesporek, Jürgen Meffle. Der Gegner freute sich sehr, denn er führte 3:0 und bot für die anderen Partien sofort ein remis an. Das gefiel  uns aber überhaupt nicht und wir nahmen den Kampf auf.Heinz Ritter, Vorsitzender bei Hervest bekam es mit dem gefürchteten " Blitzspieler" Oswald Nowak an Brett 1 zu tun.

 Nach 2 Stunden Spielzeit, 1 Stunde 50 Minuten für Ritter und 10 Minuten für Nowak hätte Ritter aufgeben müssen, so kaputt war seine Stellung. Er spielte noch 30 Minuten und sah dann seine Niederlage ein. Die nächsten beiden Partien gingen auch an uns, es stand 3:3 und der Schneefall nahm stark zu, sodass wir eigentlich nur noch weg wollten und boten darum bei den beiden restlichen Spielen, in jeweils gewonnener Stellung, remis an. Der Gegner willigte sofort ein und wir fuhren mit 4:4 nach Hause. Geht doch! 

Jürgen

 

 

 

Dirk Küsgen 5

20.12.2020

Unvergessen: Lothar Bräuer

Unvergessen ist auch Lothar Bräuer , der leider zu früh starb. Das Wort "Inklusion" war noch nicht erfunden. Die Spiellokale, zum Beispiel das Gewerkschaftshaus, waren noch nicht behindertengerecht gebaut. Doch mit gutem Willen, dem unermüdlichen Einsatz seines Bruders Günter und seines Freundes Gerd Borowski und weiteren vereinten Kräften ließen sich solche Hindernisse überwinden. Lothar war Rollstuhlfahrer und von beachtlicher Spielstärke im Schach.. Die Frage, ob es sich für mich im Sommer lohnte, mit dem Fahrrad bis zum Revierpark zu fahren, stellte sich mir nicht, denn einer war immer da, braungebrannt an der frischen Luft: Lothar. Wäre da der Winter nicht gewesen, er hätte noch besser werden können. Manchmal sagte er seinem Gegner die Züge an und dieser führte sie mit den großen Figuren des Freiluftschachs vor Zuschauern aus. Meist hatte er ein Holzbrett dabei, dass auf die Ablage seines Rollstuhls passte. Montags hatte er den Kicker und den SPIEGEL im Gepäck. Sein Fußballwissen hätte daher für das Klugscheißer-Quiz von Sven Pistor dreimal ausgereicht. Lothar war Autodidakt und belesen.

 Ohne den langen Winter wäre er sicherlich noch besser geworden. Ich erinnere mich an ihn als Spitzenmann der dritten Mannschaft, die  in Glanzzeiten des SV 21 immerhin  auf Verbandsebene gespielt hatte. Zu Auswärtsspielen fuhr  ihn sein Bruder mit großem Kombiwagen. Irgendwann, als ich nicht mehr in Bottrop wohnte, las ich, dass er sogar ein Studium an der  zwölf Kilometer entfernten Essener Uni angefangen hatte. Geht nicht gab's für ihn nicht! Für ihn nicht, für den Schachsport nicht. Als der Südafrikaner Oscar Pistorius in der Leichtathletik bei einer Olympiade mit Sprungfedern statt seinen eigenen Beinen antrat, löste das die unwürdige Diskussion aus, ob man ihn nicht disqualifizieren müsste, sobald sein Handycap zum Vorteil würde. Solange er aber ganz sicher nicht gewinnen würde, lies man ihn noch  mitlaufen, weil es dem Image des Sports gut tat.  Solch perfide Diskussionen gab es im Schach zum Glück nie. Lothar war in seiner Art, seine Ressourcen zu nutzen und sich von  Hindernissen nicht entmutigen lassen, ein großes Vorbild. Geschockt war ich, als ich irgendwann im PATT von seinem frühen Tode las.

Dirk Küsgen 4

"Auf Kohle geboren"- Ur-Gesteine des SV 1921

Es war 1919. Das ehemals größte Dorf in Preußen wird zur Stadt erklärt. Bergarbeiter aus dem deutschen Osten, zum Teil polnisch-sprachig hatten Bottrop so wachsen lassen. Zwei Jahre später wurde der SV 21 gegründet. So alt ist niemand, als dass er sich heute noch daran als Zeitzeuge erinnern könnte. Ich bin in den 70ern groß geworden. Aber immerhin konnte ich noch ein Gründungsmitglied kennenlernen, Viktor Grzenia. Gerd Sklarz begleitete uns, die damals Jugendlichen Detlef Siepmann und mich, zu einem Hausbesuch des weiß-ich-nicht-wievielten Geburtstags von Viktor Grzenia in seiner Wohnung am Ostring. Der Kohleofen glühte, Grzenia hatte noch selbst nach Kohle gegraben. Im Schach hatte er als über 80-jähriger noch erfolgreich in der Vierten ausgeholfen.

Wie er hatten in den 70ern auch noch andere alte Spieler polnisch klingende Nachnamen. Sie sprachen perfekt Deutsch, rollten aber noch das  "r" ein wenig. Es gab sie noch, die Gräber nach dem schwarzen Gold,  die einst Deutschlands Wilden Westen bevölkerten. Der Legende nach soll ein Straßenbahnfahrer am Eigener Markt die Haltestelle "Klein-Warschau" angekündigt haben. Und das durfte man erzählen ohne unter den Verdacht des Nationalismus zu geraten, weil man damit gewiss keine Minderheit beleidigte. Die Arbeiter aus dem Osten  gehörten nicht zum Ruhrgebiet, sie waren das Ruhrgebiet! Bei den meisten war die Brieftaube das Pferd des kleinen Mannes, bei einigen aber auch der Springer auf dem Schachbrett.

Da war zum Beispiel Boleslaus "Bolo" Mazurek, ein echter Freund der Jugend. Er erzählte, er sei sowohl aus der Ersten als auch aus der Zweiten freiwillig hinausgegangen, um dem Nachwuchs Platz zu machen. Gern erklärte er den Jugendlichen Schach aus den 20er Jahren. Namen wie Capablanca fielen. Als der Slogan "Trau keinem über 30" an den Schulen und Universitäten die Runde machte, bemerkte mein Schulkamerad Jost Kausträter anerkennend  dazu "Außer Bolo Mazurek !". Ja, den mochten und schätzten wir!

Ich bin nicht sicher, ob der pfeilschnelle Oswald Nowak auch einmal Bergmann war, denn er wirkte etwas schmächtig. Dafür war er pfeilschnell. Jede Turnierpartie blitzte er in fünf Minuten Bedenkzeit herunter, nicht ohne Erfolg.

Dafür war der nahezu ebenso schnelle Wenzel Schweiner sicherlich Bergmann gewesen. Er wurde im Alter leider von einer Steinstaublunge geplagt. Mit seinem Königsgambit brachte er aber eher seine Gegner und Zuschauer graduell unterschiedlich in  Luftnot, zum Hyperventilieren oder in Schnapp-Atmung.

Und dann war da Hermann Niesporek, der kleine Mann mit feinem Anzug und Hut. Sein Schach-Stil war eine gefürchtete Mischung aus holländischem Stonewall, italienischen Catanaccio und Rudi-Gutendorf-Riegel. Da konnten die Gegner schon einmal die Geduld verlieren. Das sollten sie aber lieber nicht, denn dann konterte  Hermann sie eiskalt aus. Der ehemalige Stammspieler der ersten Mannschaft wurde noch gelegentlich zu Kämpfen der Vierten aus dem Seniorenzentrum geholt und war ein absolut sicherer Punkt. Und wenn eine Uhr nicht mehr richtig tickte, brachte der ewige Materialwart des SV 1921 sie wieder ans Laufen . Was er wohl im Zeitalter der digitalen Schachuhren machen würde?

 

Dirk Küsgen 3

Bottroper Schachspieler schrieben Eröffnungsgeschichte

- der Berkenbusch-Läufer und das "Pielie"- Gambit

Zwei Spielern des SV 21 schrieben Geschichte, indem sie Eröffnungen kreierten, die fortan ihren Namen trugen.. Ich spreche von Franz Berkenbusch und Karl-Georg Pielorz. Das tolle ist, dass sie zwei Eröffnungen spielten, die es in keinem Theoriebuch gibt. Wirklich? Es gibt sie doch - allerdings mit vertauschten Farben

1) Der Berkenbusch-Stonewall

Die Berkenbusch-Eröffnung lautet 1.d4 und 2.f4. Sie ist sehr sicher, hat man irgendwann die Chance darauf, e4 zu spielen kann sich als Umschaltkonter sogar ein heftiger Angriff am Königsflügel entwickeln. Der Nachteil ist der lang eingeschlossene schwarzfeldrige Läufer. Er ist schlecht, weil eingeschlossen. Selten kann man ihn abtauschen, weil eingeschlossen. Im Endspiel befreit kann er schon einmal als Spätentwickler über sich hinauswachsen. Der Vorteil dieser Eröffnung ist, dass man für sie keine Theoriekenntnisse braucht. Aber es gibt Theorie über sie, jedoch mit vertauschten Farben. Der Berkenbusch-Aufbau ist ein holländischer Stonewall mit weißem Mehrtempo.

2) Das Pielie-Gambit

Es entstand etwa 1973 versehentlich. Charlie wollte in einer Blitzpartie gegen Hans-Jürgen Winkelmann eigentlich Sizilianisch spielen. Er erwischte aber statt des c-Bauern versehentlich den b-Bauern und verlor ihn nach 2. Lb5 umgehend - eigentlich für nichts. Trotzdem gewann Charlie zur Freude der Zuschauer noch. Das "Pielie-Gambit", war geboren. Es tauchte immer wieder auf Blitzturnieren auf, in Turnierpartien aber wagte es niemand zu spielen. Das Pielie-Gambit widersprach nämlich komplett den Grundideen eines Gambits. Normalerweise hat Weiß sowieso ein Mehrtempo und opfert dann einen Bauern, um ein zweites hinzuzugewinnen. So kann man den Gegner von Anfang an gut "pressen" Nicht so im Pielie-Gambit: Erstens hat man mit Schwarz ein Minustempo und zweitens nimmt der Gegnern den Bauern noch mit Tempo. Fritz raunzt mir zu: "Das kann nicht gut sein!"

Einigermaßen verblüfft war ich aber über den Umkehrschluss dieser Betrachtung: Da das Gambit wegen des Schwarzen Minustempos inkorrekt ist, dann muss man es halt mit Weiß spielen. Ich rede aber nicht von Sokolsky. Denn da  wäre ja noch das weitere Minustempo durch Läuferentwicklung des Gegners. Ja, wenn man dann noch ein wenig wartet, bis der Läufer schon einmal zöge, dann könnte er kein Tempomehr gewinnen. Und wenn man ihn dann noch nach LÖxb4 mit c3 vertreiben könnte, hätten wir die zweite Gambitbedingung erfüllt. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Seit über 25 Jahren spiele  ich gelegentlich "das verzögerte Pielie-Gambit im Anzug". Es heißt nur anders, nämlich "Evans-Gambit" (1.e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4.b4 Lxb4 5.c3).

Ein weiterer entfernter Verwandter des Pielie-Gambits wohnt an der Wolga. Dort gewinnt Weiß kein Tempo, da er noch nicht e4 gezogen hat und mit dem Bauern statt mi dem Läufer schlagen muss.  Und wenn man jetzt nach der alten Gambitregel den Bauern mit ... a6 "angreift", dann hat Schwarz nach Lxa6 sein Tempo.

 

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Die Boro-Saga: Eine wahre Geschichte, die nicht nur mit Schach zu tun hat.

Wir befanden uns mitten in der Hochphase der RAF "Rote Armee Fraktion". Bundeskanzler Helmut Schmidt und die Opposition tagten gemeinsam Tag und Nacht in Krisenstäben, da schellte es an einem dunklen Winterabend an meiner Tür. Irgendjemand betrat den Hausflur und verließ dann fluchtartig das Gebäude. Das konnte ich von oben hören. Wenige Sekunden später erfolgte ein lauter Knall. Einen Tag später fragte mich mein Vater, ob ich etwas damit zu tun hätte. Als einziger halbwüchsiger Junge im Wohnhaus bin ich in seine Rasterfahndung geraten. Die älteren Nachbarn hätten sich aufgeregt und erschreckt. Da hätte einer einen Sylvesterknaller im Hausflur gezündet. Ich war es ja wirklich nicht, ich musste nicht einmal lügen, als ich die Frage meines Vaters mit einem unschuldigen "Naaaaain" beantwortete, aber einen konkreten Tatverdacht hatte auch ich. Die Ehrenmitglieder und beinahe-schon-Ehrenmitglieder unseres Vereins, die damals die beste Jugendmannschaft Nordrhein-Westfalens bildeten, werden ahnen, wen ich als mysteriösen Täter vermutete. Ich schreibe über die fast vergessene Al-Capone-Legende Gerd "Boro" Borowski, der damals Jugendwart war. Ich verstand damals noch nicht, was es für einen jungen Familienvater mit einer kleinen Tochter bedeutet haben mag, Samstag für Samstag eine Jugendmannschaft zu begleiten. Er verdient es, in einer Chronik nicht vergessen zu werden. Immerhin hatte er als Nachfolger von Heinz Busche die beste Schachjugend aller Zeiten im SV 21 gecoacht. Er war zwar eher Entertainer als Jugend-Trainer, aber als solcher hatte er einen guten Draht zu den Jugendlichen.

Die Autofahrten mit seinem alten Kadett hatten Unterhaltungswert. Stets waren seine Scheibenwaschdüsen verkehrt herum eingestellt, um an roten Ampeln bei brüllend heißem Sonnenschein irritierte Fußgänger von hinten zu bespritzen, sodass die sich fragten, woher der Regen vom blauen Himmel käme. Gerne würgte er seinen Wagen an der Ampel stehend absichtlich ab, um genau dann als Erster und Letzter  zu starten, wenn die Ampel schon wieder von Grün auf Gelb umsprang, sehr zum Zorn der hinter ihm stehenden Autofahrer, aber zu unserem vollen Vergnügen. "Ausgebremst!" sagte er. Spielte einer, ohne sich Mühe zu geben, schlecht, dann kam er erst nach einigen Liegestützen vor versammelter Mannschaft zur Rückfahrt in sein Auto.

Auch gab es schon einmal einen Spezialcode mit dem er seinen Schützlingen während der Partie etwas zuflüsterte. Der König war unser Vorsitzender Max Daun. Die Bauern waren die F.D.P. Die Felder waren durchnummeriert. So konnte es passieren, dass hinter Gudrun plötzliche der merkwürdige Satz ertönte: "Helmut Kreul wird siebzehn". Hing da etwa auf a 7 ein Bauer? Ältere Mitglieder, die es zwar besser wussten, aber trotzdem ahnungslos waren, kommentierten kopfschüttelnd. "Der ist doch schon fast 40." Die Verwirrung konnte sich steigern, wenn mehrere Eingeweihte unterschiedliche Züge vorschlugen, etwa: "Nein, der wird doch 26."

Ein wenig konnte der Boro zaubern, allerdings nicht so sehr auf dem Brett, sondern ... Mit einigen Leuten begleiteten wir den VfB Bottrop auswärts zum Essener Uhlenkrug. Während der Straßenbahnfahrt schnappt er sich die schottische Baskenmütze von Hans-Georg. Als sich die Straßenbahntür öffnete, sah es nach einer täuschend echten Bewegung so aus, als habe er sie an der Haltestelle aus der Bahn geworfen. Soweit ich mich dann erinnern kann, zog es sie zwei Minuten später doch noch aus der Jackentasche.

Ein anderer beichtete mir neulich noch am Telefon, bei Georg Wetterau habe es morgens geklingelt und einer habe bei ihm eine Zeitung kaufen wollen. Das Verkaufsschild der Bild-Zeitung von der Bude nebenan stand in seinem Vorgarten. Die Tat ist nach 40 Jahren verjährt, das Delikt nie aufgeklärt worden.

Bei der NRW-Mannschaftsmeisterschaft der Jugendlichen 1976 im Revierpark betreute er die Truppe. Da habe ich noch mitgespielt. Rainer Schefczik erinnert sich, dass die Älteren zweimal zur Deutschen Meisterschaft gefahren waren, einmal nach Frankfurt, einmal nach Hamburg, und sich achtbar gegen Auswahlmannschaften anderer Bundesländer geschlagen habe, obwohl man Manfred Droste habe für die NRW-Auswahl abgeben müssen. 1977 war die Goldene Generation der 21er- Jugend  (Manfred Droste, Jens Stadtmann, Klaus Busche, Hans-Georg Skolarski, Georg Wetterau, Rainer Schefczik, Dieter Kulpa, Armin Kamp, Rainer Demond, Karl-Georg Pielorz, Andreas Urh) binnen zwei Jahren "in Rente"  gegangen. Nur die etwas Jüngeren wie Detlef Siepmann, Jochen Rozek, Gudrun Schliecker, Andreas Kalus und ich spielten noch in einer längst nicht mehr so starken Jugendmannschaft.

Soweit ich mich recht erinnere, hatte sich auch Gerd Borowski zwischen 1976 und 1977 aus dem Amt verabschiedet. Wer PATT lesen kann, ist klar im Vorteil, aber das Vereinsheim mit dem Archiv-Ordner ist gerade wegen Corona geschlossen. Ohne die Leistungen seines Vorgängers Heinz Busche schmälern zu wollen, bleibt Gerd Borowski für mich zum Jubiläum der Jugendwart des Jahrhunderts.

 Er hätte wohl noch als lustigster Zweiter Vorsitzende aller Zeiten eins obendrauf gesetzt, wenn man ihn  gelassen hätte. Ich ernenne ihn noch heute zu meinem persönlichen "Vize der Herzen". Das  gehört eigentlich nicht in die Chronik, ist aber nur gerecht. "Hier schreib ich, und ich kann nicht anders!" 1982 findet sich der Name Gerd Borowski letztmalig in den Mannschaftsaufstellungen des SV 21. Er verließ eher still und ohne erneute Knall-Effekte den Verein. Danke für alles, Boro!

Dirk Küsgen

Dirk Küsgen 1

 

Die unsterbliche sechste Mannschaft: Ein Herz und eine Seele

Kurz hinter Ebel dümpelt auf der anderen Kanalseite ein Traditionsverein mehr schlecht als recht seit Jahren in der Regionalliga vor sich hin. Das stört seine immer noch zahlreichen Fans offenbar nicht. Auf ihren Schals steht trotzig "Liebe kennt keine Liga". Die Stimmung und die Zuschauerzahlen sind besser als bei manchem Zweitligisten. Gute Stimmung, Tradition, viele Fans -an welche 21er-Mannschaft erinnert uns das?

In den 70er und 80er Jahren gab es beim SV 21 eine Truppe, die zwar nicht das beste Schach spielte, aber stets mehr Zuschauer als die Erste anzog. Die legendäre Sechste spielte höchstens  in der Bezirksliga, aber ihr Mannschaftsgeist hatte Champions-League-Format.  Nach den Kämpfen ging es meist in die Alten Stuben. Da bog sich eines Nachts eine Autoantenne an der Hans-Böckler-Straße. Ein Spieler war auf dem Weg nach Hause unabsichtlich über eine Motorhaube gestolpert. Den Namen kenne ich zwar noch, nenne ihn aber nicht.

Da stand auch schon mal ein geöffnetes Fass Bier im Spiel-Lokal, weil das sympathische Team bereits eine Runde vor Saisonende aufgestiegen war. Die Gegner wurden gleich mit eingeladen. Und die wussten sich wenigstens zu benehmen. Sie feierten mit, statt krampfhaft Schach spielen zu wollen. Es ging ja um nichts mehr. 

Auf  dem Schwarz-Weiß-Foto jener Aufstiegsfeier sehe ich Georg Badey, Gerd Baron, Berni Freyhoff, Markus Trockel, Frank Dohrmann, Paul Schenke, Detlef Niepel und Jost Kausträter. Auch Heinrich Jansen, Ewald Petry und Robert Wolter waren über mehrere Jahre Stammspieler.

Der  Schorsch war ein echter Kumpel, ein Spaßvogel, ein herzensguter Kerl. Nur eines konnte er nicht leiden: Nicht jeder Gegner machte so gut mit wie die Gastmannschaft der Aufstiegsfeier. Nicht jeder gab nach längst entschiedenem Kampf Remis, sodass die dritte Halbzeit schneller beginnen konnte. Ein gewisser Herr Althoff aus Hervest-Dorsten oder Gladbeck, das spielt keine Rolle mehr, wollte gegen Schorsch unbedingt um die goldene Ananas weiterspielen. Als er dann irgendwann nach zähem Ringen tatsächlich auf Gewinn stand, verzögerte sich dessen Heimreise aber ganz erheblich!  Jetzt hatte der Schorsch auf einmal Zeit. Er gab nicht auf. Er zog auch nicht mehr, sondern ließ einfach über eine Stunde lang kommentarlos die Uhr herunterticken. Der Gegner soll den Beginn des Tatorts im Fernsehen verpasst haben. Und seine Geschichte erzählte der Schorsch noch jahrelang mit Wonne bei jedem Après-Schach in den Alten Stuben. Und was war die Moral von der Geschicht'? 

Die Sechste war "Ein Herz und eine Seele" und der Schorsch war ein Pfundskerl. Er lachte gerne laut und herzhaft. Nur wenn einer durch falschen Ehrgeiz das Bier nach dem Spiel hinauszögerte, verstand er keinen Spaß mehr. Dann konnte er auch schon mal zum "Ekel Alfred" werden.

Dirk Küsgen